Rumgekommen

Auch die dritte Woche in Tbilisi geht jetzt mit vielen Eindrücken und Informationen zu Ende. Dass ich diesen Beitrag auch jetzt erst am Sonntag bzw. Montag schreibe, trägt natürlich auch dazu bei, bietet sich aber ganz gut an, da die gemeinsame Zeit mit meinen Mitfreiwilligen hier in Tbilisi, mit täglichem Sprachkurs und Nachmittagsaktivitäten jetzt zu Ende geht und wir am Montag gewissermaßen den „richtigen“ Teil unseres Freiwilligendienstes in unseren Einsatzstellen/Partnerorganisationen beginnen. Aber erstmal zurück zu den Geschehnissen der Woche seit dem letzten Eintrag.

Die Woche hatte zum Beispiel neben dem Sprachkurs auch die Besuche in zwei Partnerorganisationen von Brot für die Welt hier in Tbilisi zu bieten, tatsächlich auch zwischen den Projekten CENN und Coalition Homecare, in denen auch zwei meiner Mittfreiwilligen arbeiten, ein starkes Kontrastprogramm mit sehr interessanten Diskussionen. Bei CENN (Caucasian Environmental NGO Network), einer Organisation, die viel im Bereich Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Abfallmanagement und Bildungsarbeit hinsichtlich dessen aktiv ist, bekamen wir einen Einblick in die Arbeitsweise und Strategien von CENN und diskutierten über Müllvermeidungsstrategien, Clean-Ups und die Verbreitung von Bildungsarbeit zu Nachhaltigkeit.

Um vielleicht noch ein paar Hintergründe zu Umwelt- bzw. Müllsituation in Georgien zu geben, über die wir bei CENN gesprochen haben, hier das wichtigste zusammengefasst. CENN arbeitet an verschiedenen Stellen in Tbilisi und Batumi an Recycling-Stationen, da sonst der gesamte, ungetrennte Müll normalerweise in Deponien landet. CENN bietet so eine Möglichkeit zur Mülltrennung und Entsorgung, wobei aber zum Beispiel Plastikmüll zum Recycling exportiert wird. Auch im Forstwesen ist CENN aktiv und setzt sich für eine nachhaltige Forstwirtschaft ein, die aber laut den Infos, die wir bekommen haben, besteht. Außerdem organisiert CENN mit Schulen oder anderen Gruppen Clean-Ups/Müllsammelaktionen, wie bei uns z.B. die Elbwiesenreinigung, aber in Gebieten, für die die Gruppen eine spezielle Verantwortung übernehmen, diese sauber zu halten.

Ich hatte das Gefühl, dass das Taoba-Pflegeheim von Coalition Homecare einen großen Kontrast zu dem darstellte, was wir ein paar Tage zuvor bei CENN erlebt hatten. Mit dem Chef der Einrichtung unterhielten wir uns über die Schwierigkeiten der Organisation, die vor einigen Jahren einen großen und bekannten Seniorenclub betrieb, aber jetzt nur noch ein 14-plätziges Pflegeheim führt. Es zeigten sich für mich auch die Hindernisse der Entwicklungszusammenarbeit. Zur Blütezeit von Taoba bestand eine Zusammenarbeit mit europäischen Partnern, die heute aber zurückgefahren ist, um das Projekt durch die georgische Regierung zu finanzieren, was sich aber laut unseren Gesprächen als schwierig herausstellt, da im georgischen Haushalt wenig bis kein Budget für Altenpflege zur Verfügung steht. Ucha, der Chef der Einrichtung kämpft bei der Regierung zwar um Mittel um alten Menschen einen würdigen Lebensabend zu bereiten aber da, laut seiner Aussagen, sich die Regierung auf das mittlerweile aufweichende Mehrgenerationenfamilienmodell stützt und so die Förderung und Finanzierung schwierig ist, scheint es wie eine Sisyphusaufgabe. Andererseits sagt er aber auch, dass er nicht auf internationale Spender angewiesen sein möchte, um zum einen unabhängig zu sein und auch Spender-/Förderländer bzw. deren Steuerzahler sowohl finanziell als auch mental nicht zu belasten.

In unserer Freizeit der letzten Woche konnten wir außerdem nach unserem Besuch bei CENN das Museum of Illusions Tbilisi bestaunen, wo die Signalverarbeitung der visuellen Sinneseindrücke auf die Probe gestellt wird und Spiegel, Licht und Muster die Realität zu verzerren scheinen. Ob man ein Gruppenbild, das anscheinend der Gravitation widerspricht aufnimmt, sich an einen mit Spiegeln ausgestatteten Tisch setzt um mit sich selbst Karten zu spielen, optische Täuschungen zu bewundern oder sich einem „drehenden“ Tunnel aussetzt, das Museum hat viele interessante Effekte zu bieten.

Gravitation? Was ist das? Kann man das essen?

Ganz schön schräg

Der Tunnel, der das Raum-Zeit-Gefüge aus den Angeln habt

Außerdem genossen wir unsere erste Wanderung etwas außerhalb von Tbilisi am Udzo Mountain. Mit dem Taxi verließen wir die Stadt Richtung eines Vororts westlich des Stadtgebietes. Schon beim Aussteigen war es sehr befreiend die frische Bergluft einzuatmen. In der Stadt kommt es mir zwar nicht so vor als wäre die Luft besonders stickig oder feinstaubdurchsetzt, wenn man aber die Stadt verlässt, habe ich das Gefühl, dass es deutlich auffällt. Unsere Wanderung führte uns den hauptsächlich von Buchen und Eichen bewachsenen Hang hinauf, teilweise durch einen alten Bachlauf oder eine Art Abflussrinne und gelegentlichen Ausblicken auf die andere, dicht bewaldete Seite des Tales. Die sonst sehr idyllische Atmosphäre wurde nur leider nur ab und zu von zwei Motocrossfahrern unterbrochen, deren Motorräder ab und zu durch den Wald zu hören waren (sie kamen uns auf unserem Weg nach oben entgegen). Auf dem Bergrücken angekommen, stießen wir auf einige Häuschen und eine Betonplattenstraße, der wir auf dem Sattel bis zu einem kleinen, aber dem Anschein nach recht neuen Kloster folgten.

Start der Wanderung

Zeit für ein Gruppenfoto (auf dem schwarzen Schild in der Mitte steht übrigens „Nicht auf die Mauer setzen“)

Ausblick von der Mauer

Danach folgten wir weiter dem Bergrücken zurück Richtung Tbilisi bis zum höchsten Punkt, bevor uns der Weg wieder etwas nach unten führte und wir nach einigen etwas undurchsichtigen Kreuzungen den richtigen Pfad nach links zum Turtle Lake fanden. Auf dem weiteren Weg kamen wir außerdem an einer spektakulären Aussicht vorbei, an der man zu einen Seite die Größe der georgischen Hauptstadt zumindest etwas erfassen und zur anderen Seite einen Blick in weitere Berge und Täler werfen kann. Nach einiger Zeit des Abstieges erreichten wir dann, vorbei an einer Art Wehrturm und an der mehr als 1 Kilometer langen Seilbahn vom Turtle Lake nach Vake, den See und genossen im Restaurant, das ich schon im vorherigen Post angesprochen habe, unser Dinner, natürlich wieder mit deliziösem Racha-Wein („Chvantschkara“).

Ein weiterer Ausblick von der Klostermauer

Der Blick über Tbilisi von der Aussicht

Die Woche über waren wir wieder beim Yoga, was für mich immernoch eine schräge Mischung aus Entspannung und Schmerzen ist und am nächsten Tag genossen wir eine große Portion Waffeln (bei mir mit Bananen und Schokoladensauce) und sind der Einladung von Megi, unserer Landesmentorin ab Oktober zu ein paar Drinks gefolgt. Dazu kam auch noch ein bisschen vertraute Nachbarschaft aus Dresden, nachdem Oberthürs ihre Rundreise durch Georgien in Tbilisi abschlossen und wir uns in einem kleinen, gemütlichen Café über der Altstadt trafen.

Kaffee mit Oberthürs

Chatschapuri im Ofen (Hefeteig mit Käse gefüllt)

Ich beim Chvischtari-Machen (Maisbrot mit Käse)

Am Samstag trafen wir uns noch zu einem Seminartag mit Planung der zukünftigen Arbeit mit einigen Mitgliedern der Partnerorganisationen, bevor wir am Abend bei unserer Sprachlehrerin Lela in die Künste der Chatschapuri- und Lobianizubereitung eingeweiht wurden und wir so unser erstes selbstgemachtes georgisches Abendessen verspeisen konnten. Den Abend beendeten wir aber dann nicht damit sondern wir ergaben uns den wummernden Kickdrums und Bässen im Bassiani, dem wahrscheinlich berühmtesten Techno-Club Tbilisis.

In der neuen Woche beginnt für mich jetzt langsam die Arbeit bei EthicFinance, was aber nach der derzeitigen Planung relativ entspannt anläuft und mich warscheinlcih erst nächste Woche mit der Verarbeitung der Ernteprodukte in Sobissi bei Gori komplett in den Arbeitsalltag bringen wird. Ich freue mich auf jeden Fall auf die Arbeit außerhalb Tbilisis, als Abwechslung und um auch das Leben auf dem Dorf wahrnehmen zu können.

3 Kommentare zu „Rumgekommen

  1. Lieber Alwin, merk dir die Zubereitung von Chatschapuri sehr genau…Emil ist davon seit seiner letztjährigen Reise immer noch total begeistert! Das wird dann wohl nächstes Jahr nicht nur ein Bilder-, sondern auch Kochabend… ::)) ! Tolle Bilder und Tbilisi scheint eine wunderschöne Stadt zu sein. claudi

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  2. Lieber Alwin, als Gast deiner Eltern durfte ich gerade viel über deinen Aufenthalt in Georgien erfahren. Ich bin sehr angetan, was du für eine interessante Zeit erleben darfst. Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du dich auch weiterhin mit dem fremden Land gut arrangieren kannst. Ich denke viel an dich, bleib gesund und munter. Herzlichst
    deine Oma

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