„Yo, willst du morgen spontan bisschen wandern?“, lese ich 2 Uhr nachts von Samstag auf Sonntag in der Nachricht von Felix, Freiwilliger von Act4Transformation. Ich denke mir, dass es doch ziemlich gut klingt und willige sofort ein. Das Ziel, die Festung und der Ort Kojori, in der Nähe von Tbilisi und mit dem Linienbus aus der Stadt perfekt erreichbar steht sowieso auf meiner Ausflugsliste. Wir einigen uns darauf uns gegen Mittag an der Baratashivili, der zentralen Umsteigestation im Zentrum von Tbilisi zu treffen und von dort den Bus zu nehmen.
Gesagt getan treffen wir uns am nächsten Tag dort, ein paar Minuten nachdem der eigentliche Bus schon Weg ist. Nicht schlimm, es ist Sonntag, wir haben Zeit und außerdem sind wir in Georgien und somit nicht zwingend der deutschen Pünktlichkeit unterworfen. Nina und Sarah, ebenfalls Freiwillige in Tbilisi sind auch dabei und der Ausflug beginnt erstmal mit einer Pause im kleinen Park Orbeliani Square, nachdem wir ein paar Snacks eingekauft haben und jetzt auf den nächsten Bus warten müssen. Wenig später geht es dann mit dem kleinen grünen Bus der Linie 10 in Richtung Kojori, durch den alten Stadtteil Sololaki und an dem monströsen Anwesen des georgischen Milliardärs Bidsina Ivanishvili vorbei, den Berg hoch. Die Straße windet sich in das Hochland westlich von Tbilisi durch ein paar kleine Orte und aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen regen wir uns über die Unpünktlichkeit der deutschen Bahn auf. Das Leben ist schön. Die milde Frühlingsluft strömt durch die Fenster, die Sonne scheint und an den uns umgebenden Hängen blühen die ersten Bäume.
Nach etwa einer dreiviertel Stunde Fahrt kommen wir in Kojori an, unser Ziel, die alte Festung ist schon ab und zu schon durch die Bäume zu sehen. Weit ist der Weg tatsächlich auch nicht. Ein kurzer Anstieg auf den Bergrücken und dann noch ein Stück auf diesem hinauf und schon finden wir uns zwischen den Steinen der Burg wieder. Das Hakenkreuz mit SS-Runen an der Wand eines Hauses auf dem Weg lassen uns zwar kurz stutzig werden aber leider können wir jetzt nichts dagegen tun. Außerdem sind wir ja hier um den Tag und den Sonnenschein zu genießen. Auf den Felsen weit über der Ebene und den kleineren Bergrücken im Süden verspeisen wir unsere Snacks und freuen uns über die Aussicht, nur unterbrochen von dem Lustigmachen über andere Besucher, die für ihr Instagram-Feed posieren.
Nachdem wir auf den höchsten Punkt der Festung geklettert sind, überlegen wir wie es an dem Tag noch für uns weitergeht. Wir entschließen uns für den Abstieg nach Süden in den noch recht braun-grauen Wald mit einer Kirche etwas weiter unten. Zwar besitzen die Bäume noch hauptsächlich die trockenen Farben des Winters aber immer wieder treffen wir kleine Farbkleckse, die den Frühling ankündigen. Vorbei an der Kirche wandern wir durch die beeindruckende Landschaft nach unten in das kleine Dorf Ghoubani. Auch hier blühen die Bäume in Weiß und leichtem Rosa, während Hunde, Schafe und Kühe ihre Runden drehen. Ab und zu wechseln wir ein „Gamardschoba“ (georg.: Hallo/Guten Tag) mit den Dorfbewohnern, die an der Straße sitzen oder dort unterwegs sind.
Als wir des Laufens müde werden, entschließen wir uns zum Trampen, was für mich eine neue Erfahrung ist. Zwar funktioniert es in Georgien meistens sehr einfach aber im Gegensatz zu den anderen Freiwilligen habe ich es noch nicht gemacht. Ein paar Minuten später werden wir dann auch mitgenommen. Mit dem Fahrer testen wir unsere limitierten Georgischkenntnisse und erfahren so, dass er in den 90ern als Judoka in Deutschland Europameister geworden ist. Zwar haben wir seinen Namen nicht erfahren aber 1993, wie er sagte, gab es laut Internet sogar zwei georgische Judo-Europameister. In Koda, einem Ort an der großen Straße Richtung armenische Grenze, setzt er uns ab und wir halten nach einer neuen Mitfahrgelegenhiet Ausschau. Auch das funktioniert wieder problemlos und wir kommen bald darauf in meinem Tbilisier Stadtteil Ortachala an, wo wir uns verabschieden um noch ein paar Sachen für das Abendessen einzukaufen. Es folgt nochmals eine etwa 10-minütige Wanderung zur Wohnung von Iva (mein Mitbewohner und Gastbruder) und mir. Angekommen genehmigen wir uns etwas Tee und Kaffee, bevor wir uns an die Essenszubereitung machen. Kürbislasagne ist definitiv empfehlenswert. Besuch bekomme ich an dem Abend nicht nur von Sarah, Nina und Felix, mit denen ich gewandert bin, sondern auch Lillian (Mitfreiwillige von Brot), ihre Freundin Miri (auf der Durchreise von Indian zurück nach Dt.) und Arthur (Freiwilliger der Freunde der Erziehungskunst). So lassen wir den Abend in großer Runde mit leckerem Essen ausklingen. Das Leben ist schön. Ich telefoniere noch kurz mit meinen Eltern, während ich mich noch mit Sarah und Felix über die Gepflogenheiten des sächsischen Dialekts austausche. Meine Katze Pisa war sichtlich irritiert von der Anwesenheit so vieler Menschen und so endet auch für sie der Stress gegen 1 Uhr nachts.
Am nächsten Morgen lasse ich mir etwas Zeit zum ausschlafen, in Ruhe zu frühstücken und mich dann auf den Weg zur Arbeit zu machen. So viel steht eh nicht an und so bin ich gegen Mittag auf dem Weg zur Arbeit. Dass die Busse einen leereren Eindruck machen als normal liegt vielleicht an der Tageszeit aber auch in Georgien ist SARS-CoV-2 angekommen und es sind dementsprechend weniger Leute in der Stadt unterwegs. Noch halten sich die Fallzahlen aber gering und die georgische Regierung hat bereits früh entschiedene Maßnahmen ergriffen, sodass ich mir wenig Sorgen mache. Zwei Haltestellen nachdem ich in den Bus eingestiegen bin, steigt auch Nina in den Bus und wir fahren zusammen etwas durch die Stadt, bis ich nach dem Umstieg in die Metro am Liberty Square, Rustaveli aussteige. Ich komme am Büro an und finde die Tür verschlossen vor. Ich bin also trotz meines entspannten Tagesstarts der Erste. Wenig später schneit aber auch mein Kollege Levan herein und von David kommt der Anruf, dass er leider krank sei und deswegen nicht komme, aber mit einigen Aufgaben für den und die kommenden Tage. Levan kämpft inzwischen mit der Website der Bank of Georgia um einen Kontoauszug auszudrucken, den ich an eine Stiftung in Hamburg weiterleiten soll. Eine Weile später mache ich mich auf den Weg zum kleinen Laden Flash Shawarma unter den Arkaden Richtung Rustaveli Metro. Das Wetter hat heute wieder merklich abgekühlt und es zieht wieder der kalte Wind über die Kostaba Street, der schon den Winter begleitet hat, während ich zum Essen holen gehe.
Richtig kalt wird es aber erst als ich mich kurz nach 5 auf den Rückweg nach Hause mache. Im großen WhatsApp-Chat der ganzen Brot für die Welt-Freiwilligen hat eine der Freiwilligen ein Bild einer Mail geschickt mit dem Betreff „Rückreise nach Deutschland“, da unsere Sicherheit in den Einsatzländern im Krisenfall nicht gewährleistet sein könnte. Ich bekomme die Mail erst ca. 45 Minuten später, warum auch immer. Geschockt sitze ich zurück in der Wohnung am Küchentisch. Begreifbar ist die Situation nicht. Vor allem da die Situation in Deutschland anfängt zu eskalieren und ich das Management der georgischen Behörden als schnell und weitreichend präventiv wahrgenommen habe. Von Freitag auf Montag ist die Anzahl der Infizierten nur um einige wenige Fälle gestiegen. Die Schulen sind schon seit zwei Wochen geschlossen. Es durchzieht mich eine Mischung aus Unverständnis, Schock, Trauer, Resignation. Da hilft für den Abend nur noch Alkohol. Wenig später sitzt fast die gesamte Freiwilligentruppe bei Sarah, mit Unmengen an Essen, was jetzt weg muss und natürlich auch vielen Getränken, der Wein von gestern Abend, Tschatscha, Pfeffi,… Nachdem ich Flunkyball/Bierball (Bezeichnungen variieren) mit einem Einmachglas voll Wein gespielt habe und danach noch den Rest aus der Flasche trinke, ist die Welt zumindest für die nächste Stunde wieder in Ordnung. Als ich wieder etwas nüchterner gegen halb 4 Zuhause ankomme, bricht es über mir zusammen und ich sitze tränenüberströmt im Dunkeln auf meinem Bett, nur begleitet von Pisa, die sich an mich kuschelt und den Klängen von Queens Bohemian Rapsody. „Carry on, carry on, as if nothing really matters.“ Es muss ja weitergehen.
Gemäß diesem Motto verfalle ich am nächsten Morgen in einen stoischen Pragmatismus. Sachen packen ist angesagt, noch zwei Flaschen Wein zum mitnehmen kaufen. Dass es in der Nacht geschneit hat und sich vor meinem Fenster beim Aufwachen die Welt in weiß präsentiert, unterstreicht nur das Gefühl im falschen Film zu sein.
Gegen halb elf abends machen Iva und ich uns mit Ivas Auto auf den Weg zum Bahnhof um Merle und Noémi abzuholen. Iva ist so lieb uns zum Flughafen zu bringen. Auf dem Weg zum Bahnhof versuchen wir uns mit Corona-Memes zu entertainen. Die gefrorenen Blüten des Baumes über unserem Parkplatz am Station Square sind geradezu metaphorisch für die Situation der nun eingefrorenen Hoffnungen und Pläne für den Frühling in Georgien. Nicht einmal 36 Stunden nach der Mail geht unser erster Flug um 3:45 Uhr nachts. Den Flug nach Minsk verschlafe ich größtenteils unter meinem Mundschutz, den ich noch vom Artztbesuch wegen Halsproblemen letzte Woche habe. Durch das große Fenster bei unserem Aufenthalt am Flughafen in Minsk sehen wir die Morgensonne in einem kräftigen Rot aufgehen. „Eine rote Sonne geht auf, heute Nacht ist Blut vergossen worden“, heißt es in Herr der Ringe so schön. Es ist zwar kein physisches Blut für uns aber emotionales. Irgendwie vertreiben wir uns die Zeit bis zum Anschlussflug nach Frankfurt. Nach einigem Zögern über Überwachungs- oder Einschränkungsfunktionen im weißrussischen Internet, logge ich mich trotzdem in den Flughafen-Hotspot ein. Tatsächlich gibt es entsprechende Regelungen, wie eine kurze Wikipedia-Recherche ergibt. Der Blick von außen auf den Minsker Flughafen als wir ins Flugzeug nach Frankfurt steigen, rundet mit seinem brutalistischen Design den Eindruck dahingehend ab.
Ohne großartige Checks gelangen wir durch den Frankfurter Flughafen, das Privileg des deutschen Passes und leider trennen sich bald unsere Wege in die jeweiligen Heimat- oder Aufenthaltsorte. Es ist schwer die Menschen erstmal zu verabschieden, die die letzten 7 Monate mit mir unterwegs waren und nicht zu wissen wann wir uns wieder treffen. Alleine mache ich mich dann also auf den Weg mit meinen zwei Rucksäcken und der Gitarre, die ich zwar wenig gespielt habe in Georgien, die aber trotzdem mich begleitet. Meinen großen Koffer habe ich in Tbilisi gelassen, ein zusätzlicher Grund bald wieder zurück zu sein. Über Frankfurt Hbf und Leipzig komme ich abends 10 vor 9 in Dresden an. Ein weiteres Mal kommen mir die Tränen als mich meine Eltern am Bahnsteig in Empfang nehmen. Ich sollte nicht hier sein. Bis August war ich gedanklich in Georgien und auch wenn sich schnell vieles wieder viel zu normal anfühlt, kann ich dieses komische Gefühl nicht abschütteln, dass ich eigentlich woanders sein sollte. Es fühlt sich normal an, wie als wäre ich kaum weg gewesen. Die Schritte, die ich für den optimalen Pfad durch die verschiedenen Zimmer brauche, während ich in Tbilisi ab und zu im Dunkeln an die Wände gestoßen bin, die Doppelkekse auf dem Schreibtisch, die ich beide in Tbilisi nicht hatte, das alles ist eine Realität, die sich mir über Jahre in Gedächtnis und Motorik eingelagert hat und trotzdem bleibt es merkwürdig wieder in diesem Umfeld zurück zu sein. Als ich am Sonntag Abend vom Joggen mit zwei Freunden zurückkomme und die Anzeigetafeln an den Haltestellen Kreischa, Gorbitz und Weinböhla anzeigen, weiß ich zwar, ich bin Zuhause aber auch die Busse zur Baratashvili Street oder zum Station Square sind Heimat. Ein Teil von mir ist auch in Tbilisi zuhause.










































































































































