Turbulente Tage

„Yo, willst du morgen spontan bisschen wandern?“, lese ich 2 Uhr nachts von Samstag auf Sonntag in der Nachricht von Felix, Freiwilliger von Act4Transformation. Ich denke mir, dass es doch ziemlich gut klingt und willige sofort ein. Das Ziel, die Festung und der Ort Kojori, in der Nähe von Tbilisi und mit dem Linienbus aus der Stadt perfekt erreichbar steht sowieso auf meiner Ausflugsliste. Wir einigen uns darauf uns gegen Mittag an der Baratashivili, der zentralen Umsteigestation im Zentrum von Tbilisi zu treffen und von dort den Bus zu nehmen.

Gesagt getan treffen wir uns am nächsten Tag dort, ein paar Minuten nachdem der eigentliche Bus schon Weg ist. Nicht schlimm, es ist Sonntag, wir haben Zeit und außerdem sind wir in Georgien und somit nicht zwingend der deutschen Pünktlichkeit unterworfen. Nina und Sarah, ebenfalls Freiwillige in Tbilisi sind auch dabei und der Ausflug beginnt erstmal mit einer Pause im kleinen Park Orbeliani Square, nachdem wir ein paar Snacks eingekauft haben und jetzt auf den nächsten Bus warten müssen. Wenig später geht es dann mit dem kleinen grünen Bus der Linie 10 in Richtung Kojori, durch den alten Stadtteil Sololaki und an dem monströsen Anwesen des georgischen Milliardärs Bidsina Ivanishvili vorbei, den Berg hoch. Die Straße windet sich in das Hochland westlich von Tbilisi durch ein paar kleine Orte und aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen regen wir uns über die Unpünktlichkeit der deutschen Bahn auf. Das Leben ist schön. Die milde Frühlingsluft strömt durch die Fenster, die Sonne scheint und an den uns umgebenden Hängen blühen die ersten Bäume.

Nach etwa einer dreiviertel Stunde Fahrt kommen wir in Kojori an, unser Ziel, die alte Festung ist schon ab und zu schon durch die Bäume zu sehen. Weit ist der Weg tatsächlich auch nicht. Ein kurzer Anstieg auf den Bergrücken und dann noch ein Stück auf diesem hinauf und schon finden wir uns zwischen den Steinen der Burg wieder. Das Hakenkreuz mit SS-Runen an der Wand eines Hauses auf dem Weg lassen uns zwar kurz stutzig werden aber leider können wir jetzt nichts dagegen tun. Außerdem sind wir ja hier um den Tag und den Sonnenschein zu genießen. Auf den Felsen weit über der Ebene und den kleineren Bergrücken im Süden verspeisen wir unsere Snacks und freuen uns über die Aussicht, nur unterbrochen von dem Lustigmachen über andere Besucher, die für ihr Instagram-Feed posieren.

Nachdem wir auf den höchsten Punkt der Festung geklettert sind, überlegen wir wie es an dem Tag noch für uns weitergeht. Wir entschließen uns für den Abstieg nach Süden in den noch recht braun-grauen Wald mit einer Kirche etwas weiter unten. Zwar besitzen die Bäume noch hauptsächlich die trockenen Farben des Winters aber immer wieder treffen wir kleine Farbkleckse, die den Frühling ankündigen. Vorbei an der Kirche wandern wir durch die beeindruckende Landschaft nach unten in das kleine Dorf Ghoubani. Auch hier blühen die Bäume in Weiß und leichtem Rosa, während Hunde, Schafe und Kühe ihre Runden drehen. Ab und zu wechseln wir ein „Gamardschoba“ (georg.: Hallo/Guten Tag) mit den Dorfbewohnern, die an der Straße sitzen oder dort unterwegs sind.

Als wir des Laufens müde werden, entschließen wir uns zum Trampen, was für mich eine neue Erfahrung ist. Zwar funktioniert es in Georgien meistens sehr einfach aber im Gegensatz zu den anderen Freiwilligen habe ich es noch nicht gemacht. Ein paar Minuten später werden wir dann auch mitgenommen. Mit dem Fahrer testen wir unsere limitierten Georgischkenntnisse und erfahren so, dass er in den 90ern als Judoka in Deutschland Europameister geworden ist. Zwar haben wir seinen Namen nicht erfahren aber 1993, wie er sagte, gab es laut Internet sogar zwei georgische Judo-Europameister. In Koda, einem Ort an der großen Straße Richtung armenische Grenze, setzt er uns ab und wir halten nach einer neuen Mitfahrgelegenhiet Ausschau. Auch das funktioniert wieder problemlos und wir kommen bald darauf in meinem Tbilisier Stadtteil Ortachala an, wo wir uns verabschieden um noch ein paar Sachen für das Abendessen einzukaufen. Es folgt nochmals eine etwa 10-minütige Wanderung zur Wohnung von Iva (mein Mitbewohner und Gastbruder) und mir. Angekommen genehmigen wir uns etwas Tee und Kaffee, bevor wir uns an die Essenszubereitung machen. Kürbislasagne ist definitiv empfehlenswert. Besuch bekomme ich an dem Abend nicht nur von Sarah, Nina und Felix, mit denen ich gewandert bin, sondern auch Lillian (Mitfreiwillige von Brot), ihre Freundin Miri (auf der Durchreise von Indian zurück nach Dt.) und Arthur (Freiwilliger der Freunde der Erziehungskunst). So lassen wir den Abend in großer Runde mit leckerem Essen ausklingen. Das Leben ist schön. Ich telefoniere noch kurz mit meinen Eltern, während ich mich noch mit Sarah und Felix über die Gepflogenheiten des sächsischen Dialekts austausche. Meine Katze Pisa war sichtlich irritiert von der Anwesenheit so vieler Menschen und so endet auch für sie der Stress gegen 1 Uhr nachts.

Am nächsten Morgen lasse ich mir etwas Zeit zum ausschlafen, in Ruhe zu frühstücken und mich dann auf den Weg zur Arbeit zu machen. So viel steht eh nicht an und so bin ich gegen Mittag auf dem Weg zur Arbeit. Dass die Busse einen leereren Eindruck machen als normal liegt vielleicht an der Tageszeit aber auch in Georgien ist SARS-CoV-2 angekommen und es sind dementsprechend weniger Leute in der Stadt unterwegs. Noch halten sich die Fallzahlen aber gering und die georgische Regierung hat bereits früh entschiedene Maßnahmen ergriffen, sodass ich mir wenig Sorgen mache. Zwei Haltestellen nachdem ich in den Bus eingestiegen bin, steigt auch Nina in den Bus und wir fahren zusammen etwas durch die Stadt, bis ich nach dem Umstieg in die Metro am Liberty Square, Rustaveli aussteige. Ich komme am Büro an und finde die Tür verschlossen vor. Ich bin also trotz meines entspannten Tagesstarts der Erste. Wenig später schneit aber auch mein Kollege Levan herein und von David kommt der Anruf, dass er leider krank sei und deswegen nicht komme, aber mit einigen Aufgaben für den und die kommenden Tage. Levan kämpft inzwischen mit der Website der Bank of Georgia um einen Kontoauszug auszudrucken, den ich an eine Stiftung in Hamburg weiterleiten soll. Eine Weile später mache ich mich auf den Weg zum kleinen Laden Flash Shawarma unter den Arkaden Richtung Rustaveli Metro. Das Wetter hat heute wieder merklich abgekühlt und es zieht wieder der kalte Wind über die Kostaba Street, der schon den Winter begleitet hat, während ich zum Essen holen gehe.

Richtig kalt wird es aber erst als ich mich kurz nach 5 auf den Rückweg nach Hause mache. Im großen WhatsApp-Chat der ganzen Brot für die Welt-Freiwilligen hat eine der Freiwilligen ein Bild einer Mail geschickt mit dem Betreff „Rückreise nach Deutschland“, da unsere Sicherheit in den Einsatzländern im Krisenfall nicht gewährleistet sein könnte. Ich bekomme die Mail erst ca. 45 Minuten später, warum auch immer. Geschockt sitze ich zurück in der Wohnung am Küchentisch. Begreifbar ist die Situation nicht. Vor allem da die Situation in Deutschland anfängt zu eskalieren und ich das Management der georgischen Behörden als schnell und weitreichend präventiv wahrgenommen habe. Von Freitag auf Montag ist die Anzahl der Infizierten nur um einige wenige Fälle gestiegen. Die Schulen sind schon seit zwei Wochen geschlossen. Es durchzieht mich eine Mischung aus Unverständnis, Schock, Trauer, Resignation. Da hilft für den Abend nur noch Alkohol. Wenig später sitzt fast die gesamte Freiwilligentruppe bei Sarah, mit Unmengen an Essen, was jetzt weg muss und natürlich auch vielen Getränken, der Wein von gestern Abend, Tschatscha, Pfeffi,… Nachdem ich Flunkyball/Bierball (Bezeichnungen variieren) mit einem Einmachglas voll Wein gespielt habe und danach noch den Rest aus der Flasche trinke, ist die Welt zumindest für die nächste Stunde wieder in Ordnung. Als ich wieder etwas nüchterner gegen halb 4 Zuhause ankomme, bricht es über mir zusammen und ich sitze tränenüberströmt im Dunkeln auf meinem Bett, nur begleitet von Pisa, die sich an mich kuschelt und den Klängen von Queens Bohemian Rapsody. „Carry on, carry on, as if nothing really matters.“ Es muss ja weitergehen.

Gemäß diesem Motto verfalle ich am nächsten Morgen in einen stoischen Pragmatismus. Sachen packen ist angesagt, noch zwei Flaschen Wein zum mitnehmen kaufen. Dass es in der Nacht geschneit hat und sich vor meinem Fenster beim Aufwachen die Welt in weiß präsentiert, unterstreicht nur das Gefühl im falschen Film zu sein.

Gegen halb elf abends machen Iva und ich uns mit Ivas Auto auf den Weg zum Bahnhof um Merle und Noémi abzuholen. Iva ist so lieb uns zum Flughafen zu bringen. Auf dem Weg zum Bahnhof versuchen wir uns mit Corona-Memes zu entertainen. Die gefrorenen Blüten des Baumes über unserem Parkplatz am Station Square sind geradezu metaphorisch für die Situation der nun eingefrorenen Hoffnungen und Pläne für den Frühling in Georgien. Nicht einmal 36 Stunden nach der Mail geht unser erster Flug um 3:45 Uhr nachts. Den Flug nach Minsk verschlafe ich größtenteils unter meinem Mundschutz, den ich noch vom Artztbesuch wegen Halsproblemen letzte Woche habe. Durch das große Fenster bei unserem Aufenthalt am Flughafen in Minsk sehen wir die Morgensonne in einem kräftigen Rot aufgehen. „Eine rote Sonne geht auf, heute Nacht ist Blut vergossen worden“, heißt es in Herr der Ringe so schön. Es ist zwar kein physisches Blut für uns aber emotionales. Irgendwie vertreiben wir uns die Zeit bis zum Anschlussflug nach Frankfurt. Nach einigem Zögern über Überwachungs- oder Einschränkungsfunktionen im weißrussischen Internet, logge ich mich trotzdem in den Flughafen-Hotspot ein. Tatsächlich gibt es entsprechende Regelungen, wie eine kurze Wikipedia-Recherche ergibt. Der Blick von außen auf den Minsker Flughafen als wir ins Flugzeug nach Frankfurt steigen, rundet mit seinem brutalistischen Design den Eindruck dahingehend ab.

Ohne großartige Checks gelangen wir durch den Frankfurter Flughafen, das Privileg des deutschen Passes und leider trennen sich bald unsere Wege in die jeweiligen Heimat- oder Aufenthaltsorte. Es ist schwer die Menschen erstmal zu verabschieden, die die letzten 7 Monate mit mir unterwegs waren und nicht zu wissen wann wir uns wieder treffen. Alleine mache ich mich dann also auf den Weg mit meinen zwei Rucksäcken und der Gitarre, die ich zwar wenig gespielt habe in Georgien, die aber trotzdem mich begleitet. Meinen großen Koffer habe ich in Tbilisi gelassen, ein zusätzlicher Grund bald wieder zurück zu sein. Über Frankfurt Hbf und Leipzig komme ich abends 10 vor 9 in Dresden an. Ein weiteres Mal kommen mir die Tränen als mich meine Eltern am Bahnsteig in Empfang nehmen. Ich sollte nicht hier sein. Bis August war ich gedanklich in Georgien und auch wenn sich schnell vieles wieder viel zu normal anfühlt, kann ich dieses komische Gefühl nicht abschütteln, dass ich eigentlich woanders sein sollte. Es fühlt sich normal an, wie als wäre ich kaum weg gewesen. Die Schritte, die ich für den optimalen Pfad durch die verschiedenen Zimmer brauche, während ich in Tbilisi ab und zu im Dunkeln an die Wände gestoßen bin, die Doppelkekse auf dem Schreibtisch, die ich beide in Tbilisi nicht hatte, das alles ist eine Realität, die sich mir über Jahre in Gedächtnis und Motorik eingelagert hat und trotzdem bleibt es merkwürdig wieder in diesem Umfeld zurück zu sein. Als ich am Sonntag Abend vom Joggen mit zwei Freunden zurückkomme und die Anzeigetafeln an den Haltestellen Kreischa, Gorbitz und Weinböhla anzeigen, weiß ich zwar, ich bin Zuhause aber auch die Busse zur Baratashvili Street oder zum Station Square sind Heimat. Ein Teil von mir ist auch in Tbilisi zuhause.

Neujahrsgedanken

Es ist vielleicht schon etwas spät für diesen Post aber ich möchte trotzdem erzählen, was ich nach meinem Wochentrip Ende November gemacht habe, was das Jahr 2019 für mich bedeutet hat und was ich über das neue Jahr bzw. die neue Dekade denke.

Zum Anfang vielleicht ein kleines Update. Nach meiner Reise durch Westgeorgien bin ich dann schnell wieder auf Arbeit gelandet, wo ich dann auch endlich ca. 3 Wochen mit einer guten Menge von Arbeit verbracht habe. Zum Jahresende musste Weihnachtspost an die Partner von EthicFinance geschickt werden und auch die Projektfinanzierung für Sobissuri, die seit Oktober zur Verfügung steht, musste verplant und ausgegeben werden, sodass ich mich über wenig Arbeit nicht beschweren konnte. Zur Adventszeit hab ich die Wochenenden mit Anna und Lillian beim Plätzchen- oder Pizzabacken verbracht und seit Anfang Dezember haben Iva und ich eine neue Mitbewohnerin, Pisa, die Katze, die unsere Landesmentorin Megi im November auf der Straße gefunden hat und die ich nun adoptiert habe.

Am 20. Dezember ging es dann wieder Richtung Batumi (und ja Papa, ich war zumindest mit den Füßen im Schwarzen Meer) und am Tag darauf in unser „Weihnachtsquartier“ in Bakuriani im Kleinen Kaukasus, wo es zwar leider nicht genügend Schnee zum Skifahren gab, wir aber trotzdem eine schöne Woche Urlaub verbrachten.

Wanderung mit beißend kaltem Wind

Kukuschka, Schmalspurbahn zwischen Bakuriani und Borjomi

Schnee, leider erst am Abreisetag

Sylvester in Tbilisi habe ich dann mit den anderen Freiwilligen, die in der Stadt arbeiten verbracht, also nicht nur Brot für die Welt, sondern auch von den Freunden der Erziehungskunst, Act for Transformation und dem Arbeiter-Samariter-Bund. Das Feuerwerk in Tbilisi haben wir dann zusammen von halber Höhe am Mtatsminda bestaunt, von wo aus man einen weiten Ausblick über die Stadt hat und so die Raketenexplosionen von fast überall sehen kann. Ein Video des Feuerwerks habe ich auf Facebook gefunden und ist hier ansehbar: https://www.facebook.com/shermazana/videos/468752520490686/

Da es in Bakuriani keinen Schnee zum Skifahren gab, wurde das jetzt am letzten Wochenende im Skigebiet von Gudauri, etwa 2h nördlich von Tbilisi im Großen Kaukasus nachgeholt. Gudauri bietet spektakuläre Ausblicke auf die Berge in der Umgebung, wie den 5000er Kazbek, die auf jeden Fall die teilweise steinigen Pisten wettmachen. Auch in Gudauri fehlen halt noch ein paar Zentimeter Schnee.

Die Bergwelt des Großen Kaukasus

Kobi-Abfahrt

Blick auf den Kazbek

So viel zu meinen Erlebnissen der letzten Zeit aber was war 2019 für mich? 2019 hat für mich vor allem Veränderung bedeutet, ein Spiel zwischen Anfang und Ende, Ankommen und Weggehen mit meinem Abi im Sommer und dem anschließenden Wechsel zum Freiwilligendienst nach Georgien, etwas das ich seit Jahresanfang schon wusste, sodass ich mich, wie ich finde gut vorbereiten konnte. Mit diesen Veränderungen kommen natürlich auch Herausforderungen, bei denen ich aber das Gefühl habe damit zurecht zu kommen, sei es der Zeitvertreib in langweiligen Tagen nach dem Abi oder im Büro ohne Kollegen, eine neue Sprache zu lernen oder nicht jeden zweiten Tag Nudeln zu kochen.

Im Rückblick bin ich sehr zufrieden damit auch durch diese Veränderungen gegangen zu sein. Ich denke, sie haben mir Raum gegeben auch mich selbst zu verändern und nicht mehr mit Schulalltag festzuhängen.

Außerdem war 2019 nicht nur für mich ein bewegendes Jahr. Auf politischer Ebene war 2019 geprägt von Demonstrationen, die mir aber Hoffnung geben für das kommende Jahr und die Kommende Dekade, denn 2019 sind überall auf der Welt Menschen aufgestanden um für ihre Rechte, für mehr Klimaschutz oder gegen Soziale Ungerechtigkeit zu protestieren. Eine Demonstrationswelle, die Mut macht in den 2020er-Jahren positive Veränderungen anzustoßen, sei es die Bekämpfung von Armut und Korruption, die Verteidigung demokratischer Grundrechte oder die Einhaltung von Klimazielen. All diese Ziele benötigen Energie und Aufwand aber da das Jahr für mich gezeigt hat, das diese vielen Menschen am Herzen liegen bin ich recht zuversichtlich, dass eine positive Entwicklung möglich ist, auch wenn Regierungen mal wieder wenig erreichen wie zuletzt beim ergebnislosen Klimagipfel in Madrid.

Ich hoffe wir können die nächsten Jahre mit Toleranz, dem Glauben an Pluralität und Demokratie, Respekt und neuen und alten Träumen oder Zielsetzungen angehen.

Auf Reisen

Etappe 1: Tbilisi – Batumi

Am frühen Donnerstagabend geht es weg von Tbilisi. Auf Arbeit ist wenig zu tun und ich mache mich gegen mittags auf den Rückweg nach Hause um meine Sachen zu packen. Ich ende mit einem ziemlich vollgepackten, großen Rucksack, mit dem ich Angst habe zur Rush Hour in Tbilisi nicht wirklich in den Bus zu kommen. Unten am Berg an der Bushaltestelle angekommen will ich eigentlich einen Bus zur Isani Metro Station nehmen, der lässt aber etwas auf sich warten, weshalb ich, als ich einen Bus der selben Linie aber in der Gegenrichtung sehe, über die Straße stapfe und Richtung Liberty Square bzw. für all die Interessenten der georgischen Sprache „Tavisuplebis Moedani“ fahre, wo sich auch eine Metro Station befindet. Am Liberty Square drehe ich noch eine kurze Runde durch den Supermarkt, um etwas Essen für die Fahrt zu holen und begebe mich dann zur Metro zum Station Square. Am Station Square angekommen, nehme ich den falschen Ausgang, laufe durch eine Art Basar nach oben, überquere den Platz wo eine Menge Marschutkas fahren und treffe dann im Bahnhof auf Lillian, ihrem Kumpel Ali und Anna und wir machen uns auf den Weg zum Bahnsteig.

Um kurz nach halb 6 fährt unser Zug nach Batumi ein. Es ist ein modernes Modell, sehr ähnlich zur Dresdner S-Bahn. Nach dem alle Passagiere ihren Weg ins Zuginnere gefunden haben, geht es dann auch bald los auf die ca. sechsstündige Fahrt in die zweitgrößte Stadt Georgiens am Schwarzen Meer. In der Nähe von Batumi arbeitet unsere Mitfreiwillige Merle, die eine Woche vorher Geburtstag hatte, weswegen wir uns entschlossen haben auf einen überraschungsbesuch vorbeizukommen. Den Plan für die Überraschung besprechen wir teilweise im Zug in dem wir das regnerische Tbilisi verlassen. Draußen ist es leider schon dunkel, weshalb wir von der Landschaft außerhalb des Zuges während der Fahrt leider herzlich wenig mitbekommen. In Batumi angekommen, regnet es auch dort in Strömen und wir suchen möglichst schnell ein Taxi. Die Taxiapp Bolt funktioniert glücklicherweise auch in Batumi und bestätigt uns nicht auf das Angebot eines Taxifahrers am Bahnhof einzugehen, der 10 Lari für die Fahrt in die Stadt anbietet. 6 Lari und 40 Tetri kostet der Weg zum Hostel, wo Anna und ich für die Nacht bleiben. Unterwegs auf der Straße Richtung des Zentrums bietet sich trotz des Regens der Blick auf die berühmt-berüchtigte, bunt beleuchtete Skyline von Batumi und ich versuche mich mit meinem limitierten Georgisch am Gespräch mit dem Taxifahrer. Lillian übernachtet bei den Freunden, die Ali in Batumi besucht und sie ist am nächsten Morgen wieder da.

Am nächsten Morgen erinnert kaum noch etwas an die herabfallenden Wassermassen der letzten Nacht und der Himmel leuchtet im schönsten Blau und nach einem Café-Frühstück mit Nutella-Crêpes bietet sich noch etwas Zeit die Stadt, insbesondere die Strandpromenade zu erkunden und das Meer zu genießen. Auch Ende November sind es an diesem sonnigen Vormittag in Batumi etwa 20°C, was nach dem vorherigen, kalten und nassen Tag sehr gut tut. In den letzten 15 Jahren hat die Stadt eine Vielzahl von Investoren angezogen, wodurch jetzt das Stadtzentrum vor allem durch seine Hotels und Kasinos bekannt ist. Außerhalb der Feriensaison soll in Batumi eigentlich nicht viel los sein, aber ich hatte den Eindruck, dass es definitiv nicht so ausgestorben ist, wie ich erwartet hätte. Es leben eben nicht nur Touristen in der Stadt.

Erster Eindruck von Batumi

Haus im Zentrum

Strandpromenade mit Palmen

Das Schwarze Meer; der Strand ist schwärzer als das Meer

Auf den DNA-förmig angeordneten Spiralen finden sich die 33 georgischen Buchstaben

Riesenrad und Leuchtturm

Etappe 2: Batumi – Keda

Um für den Abend noch Essen vorzubereiten führte uns unser Weg in Batumi in einige Läden, inklusive einer Konditorei mit entsprechenden Torten, um am Abend Essen zu machen, bevor Anna und ich noch unser Gepäck aus dem Hostel holen und wir uns zum Busbahnhof begeben. Am Busbahnhof fragen wir uns zur Marschutka nach Keda durch, finden den entsprechenden Minibus und laden unser Gepäck ein. Da wir lieber Englisch als Georgisch sprechen, werden wir vom Fahrer gefragt ob wir aus den USA kommen, antworten wir mit: „Nein, aus Deutschland“. Es stellt sich heraus, unser Marschutkafahrer ist Merles Gastvater und wir versuchen zu erkläre, dass Merle nichts von unserem Besuch weiß und wir sie überraschen wollen. Er bringt uns nach der Fahrt vom Schwarzen Meer in die herbstlichen Berge der Region Adjarien sogar noch zum Haus von Leonie, eine deutsche Freiwillige einer anderen Organisation, die noch bis kurz vor Weihnachten ebenfalls in Keda arbeitet und die uns bei der Organisation des Überraschungsbesuches vor Ort sehr geholfen hat. Leonie sehen wir kurz noch, bevor sie übers Wochenende mit ihrer Mitbewohnerin nach Tbilisi fährt. Dass sie fährt, wissen wir, Merle aber nicht und Leonie hat sie unter Vorwand eines Filmabends zu sich eingeladen ohne wirklich da zu sein. Während wir das Essen vorbereiten, schreibt Leonie auf ihrem Weg nach Batumi, dass Merle am Abend zu Freunden in ein anderes Dorf fahren möchte. Wieder müssen wir uns eine Ausrede einfallen lassen. Leonie kommt zum Glück auf die Idee Merle zu schreiben, dass das Auto, in dem Merle hätte mitfahren können, kaputt ist. Nochmal werden wir ein bisschen später erschreckt, als Noémi, die aus Ozurgeti hergekommen ist, ohne Vorwarnung hereinkommt. Nur Sofia fehlt jetzt noch aber sie musste in ihrer Stelle in Kutaissi bis nachmittags arbeiten und kommt später.

Kurz vor 8 kommt dann Merle in Erwartung eines Filmabends mit Nudeln und Kürbissoße durch die Tür und wir hören nur: „Was macht ihr denn hier?“. Tja, es wird halt eben kein Filmabend, sondern eine nachträgliche Geburtstagsparty mit Risotto und Schokotorte. Später stößt dann auch Sofia noch zu uns. Auch sie hat es bis Keda geschafft und so sind wir als gesamte Georgienfreiwilligengruppe wieder alle am selben Ort und es werden mal wieder Erfahrungen und Erlebnisse ausgetauscht. Später kommen auch georgische Freunde von Merle aus Keda und der Nachbar zu unserer Runde dazu und wir halten reihum Trinksprüche auf das nachträgliche Geburtstagskind, unsere gesamte Runde, die georgisch-deutsche Freundschaft und vieles mehr. Merles Gastvater hat uns übrigens nicht verraten, sondern nur unter Grinsen gefragt: „Gehst du dann zu Leonie?“

Am nächsten Tag begeben wir uns zusammen mit Ruth, einer Schweizerin, die ebenfalls in Keda wohnt, und ihren Hunden auf eine kleine Wanderung am Berg. Einige der 5 Hunde können wir auch an der Leine führen, während wir uns in Serpentinen am Berg hochschlängeln und Ruths Pitbullmischling Mimi sich die Seele aus dem Hals bellt. Wie schon der Weg vorher bietet auch die Lichtung, auf der wir schließlich ankommen eine phänomenale Aussicht auf die teilweise schon schneebedeckten Berge rund um Keda. Auf der Lichtung bellt Mimi dann ihr eigenes Echo aus dem Wald an und lässt sich zwischenzeitlich nur von Merle etwas beruhigen. Ich hoffe nur, dass bei dem Ausflug keine Trommelfelle gelitten haben.

Blick in die Berge

Pause mit Hunden

Rückfahrt nach Batumi

Am Sonntagmorgen verabschiedeten wir uns wieder aus Keda und machen uns auf den Rückweg. Die Fahrt begleitet uns das Um aber die adjarische Küche nochmal auszukosten begaben wir uns zurück in Batumi noch in ein Restaurant mit Adjaruli Chatschapuri, einer um ein gefühlt Vielfaches, gehaltvolleren Version des georgischen Käsefladens mit zusätzlichen Eiern und Butter. Ich hab meins nicht ganz geschafft…

Etappe 3: Batumi – Ozurgeti

Nach dem Essen geht es zurück. Sofia nach Kutaissi, Merle nach Keda und Anna und Lillian nach Tbilisi. Ich mache mich aber noch nicht auf den Rückweg in die Hauptstadt, sondern begleite Noémi nach Ozurgeti um ihren Einsatzort kennenzulernen. Also ab in die Marshutka nach Ozurgeti, die zum Glück nur etwa eine Stunde fährt und nicht den ganzen Weg zurück nach Tbilisi. Entlang des Schwarzen Meeres und schließlich etwas ins Land hinein führt. Ich hätte gedacht, dass Ozurgeti etwas mehr in den Bergen liegt aber tatsächlich befindet sich der kleine Ort noch in der Küstenebene und nur in einiger Entfernung erheben sich die Berge des westlichen Kleinen Kaukasus. Etwas Schnee liegt bereits auf den Gipfeln in der Ferne und die Fotomotive für eine Kombination mit dem verschneiten Bergmassiv im Hintergrund finden sich reichlich. In Ozurgeti angekommen laufen Noémi und ich an die Straße, die in das kleine Dorf Dvabzu führt in dem Noémis Gastfamilie lebt. „Mal sehen, ob wer der mich kennt uns mitnehmen kann“, meint Noémi. Ein paar Minuten später rollt Giorgi, ihr Gastvater im Auto vorbei und nimmt uns mit. In Dvabzu darf ich dann auch den Rest der Familie kennenlernen, Marika, Noémis Gastmutter, die auch gut deutsch spricht, die beiden kleinen Töchter Elene und Tekla und Giorgis Mutter Tina.

Um noch ein bisschen die Umgebung kennenzulernen führt mich Noémi noch etwas durchs Dorf und im Flussbett entlang. Am Fluss ist es manchmal eine Herausforderung trockenen Fußes über ein paar kleine Teilflussläufe zu kommen, was nicht immer gelingt. Den Abend verbringe ich dann mit Noémis Gastfamilie, hauptsächlich mit Essen. Im Fernseher laufen nebenbei die Bilder der großen Demonstrationen gegen die amtierende Regierung in Tbilisi. Mehr Informationen zu den Protesten finden sich z.B. hier: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-11/georgien-tbilissi-proteste-wahlsystem-reform . Die Fernsehbilder begleiten auch die nächsten Abende. Den Montag verbringe ich zum Teil im Café von YPU (Young Pedagogues Union), wo Noémi arbeitet und mit dem erkunden der Kleinstadt. Im Vergleich zu Tbilisi ist es wirklich ein kleines Nest, was aber definitiv eine Abwechslung zum sonstigen Trubel der Hauptstadt ist. Trotzdem steht in Ozurgeti ein großes Theatergebäude und auch der Bahnhof kann sich, trotz dass er weitestgehend leer steht, sehen lassen.

Angekommen in Ozurgeti

Unterwegs am Fluss

Kirchgelände mit Bergen im Hintergrund

Basar

Theater in Ozurgeti

Café Rvas + 1 (8+1)

Am Dienstag helfe ich dann Noémi bei der Vorbereitung für ihr Programm im Altersheim von Anaseuli. Ein spanisches Lied unterläuft unserer Umdichtung in eine georgische Version, die erstaunlich einfach geht und für die wir nichteinmal so viele neue Vokabeln durch Google Translate jagen müssen. Am Nachmittag machen wir uns dann auf den Weg in das kleine, halb verlassene Dorf, das mit der Marshutka etwa 10 Minuten entfernt liegt. Bevor wir aber das Altersheim besuchen, erkunden wir noch etwas den Ort und dessen alte Gebäude, denen eine gewisse Faszination innewohnt. Es werden auch nicht die letzten verfallenen Gebäude auf meiner Tour sein, soviel sei jetzt schonmal verraten. In einer Art Hinterhof finden wir auch eine umgekippte Lenin-Statue, die wie ich finde auch ganz gut nach Chemnitz neben den Marx-Kopf passen würde. Es ist aber definitiv spannend zu versuchen herauszufinden, wozu die alten Gebäude einst dienten. Wahrscheinlich war Anaseuli zu Sowjet-Zeiten ein Standort für botanische Forschung schlussfolgern wir beim Spaziergang. Im Altersheim spielt Noémi dann zuerst die spanische Version des Liedes und lässt die Senioren raten woher die Musik kommt. Später präsentieren wir auch die georgische Version und versuchen die Senioren zum Mitsingen anzuregen, was leider nicht ganz funktioniert hat.

Etappe 4: Ozurgeti – Kutaissi

Am Mittwochmorgen geht es für mich weiter Richtung Kutaissi. Bevor ich Ozurgeti wieder verlasse scannt sich Noémi noch mein Georgischzeug ein, aber kurz darauf verabschieden wir uns dann und ich setze mich mal wieder in die Marshutka. Die Straße Richtung Kutaissi soll angeblich durch die vielen Kurven nicht die tollste sein aber ich genieße die Fahrt durch die Hügelketten Guriens, die herbstlichen Wälder, ein paar Wiesen und im Hintergrund immer wieder der Kleine Kaukasus. Ein besonderer Blick bietet sich dann kurz vor Sajavakho, wo die Straße aus den Bergen kommt und sich der weite Blick über die Kolchische Tiefebene öffnet. Die tiefhängenden Wolken über dem Rioni, der die Ebene durchfließt, verleihen dem Anblick etwas Mystisches. Die Mystik verlässt die Fahrt aber bald wieder, denn auf den großen Straßen mit einigen wichtigen Wegpunkten auf der Ost-West-Trasse durch Georgien liegen hier auf dem Weg. Durch Samtredia und vorbei am Flughafen von Kutaissi, von wo Wizzair recht billig viele Ziele in Europa anfliegt (Tipp für alle Reiseinteressierten), lande ich schließlich in Kutaissi. Kurz vor Ankunft jage ich noch ein paar Sätze durch Google Translate, denn ich habe nur noch 50 Lari einstecken und möchte den Fahrer fragen, ob er diese für die 7 Lari-Fahrt wechseln kann. Kann er zum Glück. Trotzdem fährt er kurz noch ein Stück, bevor ich ihn darauf aufmerksam machen kann, dass mein Rucksack noch im Kofferraum liegt. Wenige Momente später habe ich dann auch meinen Rucksack wieder und wecke damit die Aufmerksamkeit der Taxifahrer. Mit einem führe ich kurz etwas Smalltalk auf Georgisch, im Rahmen meiner Möglichkeiten, mache mich dann aber bald zu Fuß auf den Weg zu Sofias Büro in der Stadt, da ich nach der Fahrt etwas Bewegung brauche. Um meinen Hunger zu stillen, es ist ja quasi Mittagszeit, hole ich mir noch in der Nähe des Busbahnhofes eine Shawarma (recht ähnlich zu Döner) und stapfe dann los.

Nach ca. 30 Minuten Fußweg treffe ich am Büro von Sofias Partnerorganisation Fund Sokhumi ein, wo sie noch etwas mit Arbeit beschäftigt ist, ich aber meinen Rucksack da lassen kann, um noch einen Ausflug ins Stadtzentrum zu unternehmen. Das graue, leicht regnerische Wetter lädt zwar nicht unbedingt dazu ein aber ich will auch was von der Stadt sehen. Über die White Bridge mit ihren im Metallboden eingelassenen Ornamenten und Glasplatten spaziere ich Richtung Innenstadt und bewundere das leuchtend blaue Wasser und die Felsstrukturen des Rioni. Über der Stadt auf einem Hügel thront die Bagrati-Kathedrale mit ihren türkisgrünen Dächern und fängt so meine Aufmerksamkeit. Nach einem kleinen Anstieg gelange ich dann auf den Hügel um das Gelände und die Kirche selbst zu bewundern. Auf einer Infotafel nahe des Eingangs lese ich, dass die Bagrati-Kathedrale auch erst vor kurzem wieder komplett rekonstruiert wurde, was mich an die Frauenkirche in meinem heimatlichen Dresden denken lässt. Während ich über die Wiese rund um das Gotteshaus schlendere, such ich nach den besten Fotowinkeln und versuche bei der Aussicht über Kutaissi in der anderen Blickrichtung meinen Weg zu rekonstruieren. Am EIngang der Kirche unterhalte ich mich kurz mit einem Touristenguide, lehne seine Führung aber dankend ab, da ich nicht die Zeit daür habe. Auf meinem Weg nach unten und dann weiter durch die Stadt, finde ich noch einige schöne Ecken in der sonst recht funktionalen Stadt, bevor ich wieder zurück zu Sofias Büro laufe. Dort angekommen, schnappe ich mir meinen Rucksack und gehe mit Sofia zur Wohnung von Philipp, der als Fachkraft von Brot für die Welt in Kutaissi arbeitet und wo ich übernachten kann. Philipp habe ich schon bei zwei Treffen in Tbilisi kennengelernt und wir hatten bisher immer viel Spaß, ihm (aufgrund seines BWL-Studiums) oder anderen scherzhafte kriminelle Machenschaften zu unterstellen, weswegen ich ihn dann auch, als er später nach Hause kommt mit einem „Ich dachte, wir brechen mal beim Verbrecher ein“, begrüße. Zum Abendessen kommen dann auch noch Sofias Kollege Benedikt, ebenfalls Brot-Fachkraft, und seine Familie vorbei und wir verbringen den Abend zusammen mit Reis, Ofengemüse und lustigen Gesprächen, in denen jedem gerne mal das Wort im Mund umgedreht wird, was aber super lustig ist und in keinster Weise böse gemeint.

Die White Bridge (Tetri Khidi)

Plastik auf dem Geländer und Karstformationen am Rioni

Bagrati-Kathedrale

kleiner seperater Turm an der Kathedrale

Kontrast zwischen der Kathedrale auf dem Hügel und einem Wohnblock

Plastik am Meskhishvili-Theater

Am nächsten Tag führt mich dann mein Weg nach Zqaltubo, ein Ort der nicht nur von der Aussprache interessant ist (gesprochen etwa: Tskchraltubo) und den Philipp mir am Abend zuvor als Ausflugsziel empfohlen hat.

Das kleine Städtchen etwa 20 Minuten von Kutaissi entfernt war zu Zeiten der Sowjetunion ein beliebter Kur- und Erholungsort, weswegen dort eine Menge alte Hotels zu finden sind, die jetzt aber zum Großteil leerstehen und langsam verfallen. Manche der alten Anlagen werden von sogenannten IDPs (Internally Displaced People, Vertriebene aus Abchasien) bewohnt aber die meisten sind dem Verfall preisgegeben. Da ich Mittags wieder zurück in Kutaissi sein möchte, schaffe ich es leider nur das Sanatorium Iveria zu erkunden. Das alte Hotel steht am Nordende des Ortes und ist eigentlich von einem Metallplattenzaun umgeben, der mich aber nicht vom Betreten des Gebäudes abhält. Etwas versteckt im Gebüsch an einer Mauer, die das Gelände von dem des nächsten Hotels trennt, finde ich eine gute Einstiegsstelle und schleiche mich in das Gebäude. In den verfallenden Gängen fühle ich mich etwas wie ein Charakter aus einem Videospiel. Ich schleiche über den alten, teilweise etwas aufgebrochenen Dielenboden, stöbere durch die alten Zimmer und wundere mich, dass fast jedes Zimmer eine eigene Balkonbrüstungsgestaltung besitzt. Bisher bin ich durch den ersten Stock des Südflügels gegangen, wende mich aber bald in den langen Korridor, der durch den Mittelteil führt. Im Zentrum des Hotels befindet sich über der Eingangshalle ein Deckendurchbruch bzw. für mich eine Öffnung im Boden. Im großen Treppenhaus leuchtet noch die blaue Farbe an den Wänden, im Gegensatz zum Himmel, der sich weiterhin wolkenverhangen grau präsentiert. Weiter durch den Korridor gelange ich an einen großen, halboffenen Raum, von dem ich vermute, dass er einst Speisesaal war, wo ich aber auch auf einige Farbeimer treffe, die noch recht neu aussehen, weshalb ich meinen kleinen Rundgang mit etwas mehr Adrenalin im Körper und der Erwartung auf andere Menschen zu treffen fortsetze. Die Gänge bleiben aber menschenleer, während ich das Erdgeschoss durchlaufe. Kurz darauf mache ich mich auch schon wieder auf den Rückweg nach Kutaissi. Ich verlasse das Sanatorium, klettere über die Metallplatten und schleiche zurück zur Straße, wo ich die nächste Marshutka abpasse.

Das Sanatorium Iveria

Hier geht es ins Gebäude

Im Flur des Südflügels

Das Treppenhaus

Der „Speisesaal“

In Kutaissi schaue ich dann noch eine Weile bei Sofia vorbei, bevor ich mich schon langsam ans Zusammenpacken mache. Nachdem ich noch etwas Zeit damit verbracht habe bei Philipp durch einen Wanderführer zu stöbern, schnappe ich mir meinen Rucksack, bringe Sofia den Schlüssel vorbei und verabschiede mich Richtung Busbahnhof, wo ich die nächste Marshutka nach Tbilisi nehme. Die etwa vier Stunden Minibusfahrt sind auf ihre eigene Weise anstrengend, sodass ich froh bin abends im Dunkeln in Didube (Metrostation und Abfahrts-/Ankunftspunkt für viele Marshutkas) anzukommen, dann noch schnell in den nächsten Supermarkt für ein paar Nudeln und das Frühstück für den Freitagmorgen, an dem ich dan wieder im Büro bin, holen und dann noch mit Metro und Bus einmal quer durch die Stadt nach Hause tingeln.

Abschied aus Kutaissi

No more walls

Ein großes Sorry erstmal, dass es von mir hier im letzten Monat nichts auf dem Blog zu lesen gab. Die zweite Oktoberhälfte und der Novemberanfang sind in einer komischen Mischung aus schnell und langsam vergangen, ich habe meine Wochentage auf Arbeit verbracht, wo aber nicht viel los war und auch die Wochenenden, meistens hier in Tbilisi waren nicht sonderlich spektakulär bzw. lässt sich irgendwie schlecht ein Artikel über Stand-up Comedy schreiben.

Schon vorletzten Freitag konnte ich meinen Geburtstag das erste Mal weg von Zuhause feiern; mit Pizza und Wein und Anna, Lillian, Noémi und Noémis amerikanischem Peace Corps-Freiwilligenkollege Samir aus Ozurgeti. Am Tag darauf konnte, ich auch das Packet von Zuhause aus Deutschland abholen, das beste darin wahrscheinlich das „Studentenküche“-Kochbuch, was bestimmt demnächst zum Einsatz kommen wird.

Das letzte Wochenende musste ich mir allerdings kaum Gedanken über Essen machen, was auch mal schön ist. Der Freitag beinhaltete unser erstes Seminar zur Evaluierung der ersten drei Monate hier in Georgien mit vielen Snacks, Pizza und meinem Kuchen (dank Backmischung aus dem Packet), dessen untersten halben Zentimeter ich nach dem Backen wahrscheinlich als Grillkohle hätte verfeuern können aber nach dem Entfernen war der Rest des Kuchens dann noch sehr gut essbar. Es war definitiv schön auch wieder in großer „Brötchen“-Gruppe zusammen zu sein und die bisherigen Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen, die doch auch innerhalb Georgiens sehr unterschiedlich sind zwischen Stadt und Land oder Gastfamilie und WG. In diesem Sinne bin ich schon sehr gespannt auf die Geschichten aus den anderen Einsatzländern. Ein Wiedersehen gab es auch mit unserem Ex-Landesmentor Levan, der uns zum gemeinsamen Abendessen beehrte.

Mit offiziellen Terminen war auch der Samstag gefüllt. Das Referat für Entwicklungszusammenarbeit lud zum Mittagessen ein und zusammen mit anderen weltwärts-Freiwilligen anderer Entsendeorganisationen genossen wir das Essen und konnten uns ein bisschen darüber austauschen, was wir so machen und welche Bars und Clubs in Tbilisi empfehlenswert sind, während wir Käse, Brot, Tomaten-Gurken-Salat, Chvischtari (Mais-Käse-Brot) und noch vieles anderes in uns hineinmampften. Nach einer Weile draußen im nahen Park am Nachmittag, machte ich mich auf den Weg zurück nach Hause um mich für den abendlichen Botschaftsempfang zur Feier von 30 Jahren Mauerfall fertig zu machen. Ein Hemd habe ich leider nicht mit nach Georgien genommen, weswegen ich auf dem Weg noch einen kleinen Shopping-Abstecher machte. Sehe ich in dem neuen weinroten Hemd stilmäßig aus wie mein Vater? Vielleicht. Finde ich es trotzdem schick? Definitiv.

Das Event fand im Ballroom des Sheraton-Hotels statt, das mich sonst eher vom Aussehen etwas verstört, da es, vor allem nachts wie ein leuchtender, protziger Palast auf der anderen Flussseite thront aber für diesen Abend war es eben Veranstaltungsort. Etwas komisch war es trotzdem schon am Eingang fühlte ich mich ein bisschen wie am Flughafen mit den aufgestellten Schleusen und Taschenkontrollen, was aber nachvollziehbar ist, wenn der Botschafter und auch die georgische Präsidentin anwesend sind. Nach einem kurzen Walk auf dem roten Teppich und Händeschütteln verkrümelten wir uns dann doch lieber in eine der Ecken des riesigen Saals zum bunten Haufen der anderen Freiwilligen, noch mehr als beim Mittagessen davor, was eine schöne Gelegenheit war noch mehr neue Leute kennenzulernen, die in Georgien oder auch Armenien unterwegs sind. Inmitten der ganzen Anzugträger bei der Veranstaltung müssten wir in unserer Ecke trotzdem ein bisschen aufgefallen sein. Pluspunkt des Abends war auf jeden Fall das Essen mit Schnitzel und Spätzle und als etwas schräges angedachtes Highlight ein Replikat eines Stückes Berliner Mauer, vor dem man sich mit Hammer in der Hand hätte fotografieren lassen können.

Etwas was ich aus dem Abend auch noch mitgenommen habe sind die Worte der georgischen Präsidentin Salome Surabishvili, das der Mauerfall vor 30 Jahren ein Zeichen der Freiheit und der Hoffnung war und auch heute immer noch ist, besonders in einem Land wie Georgien, das immernoch von den Konflikten um Abchasien und Südossetien betroffen ist und wo zwar keine Mauern sein, dafür aber Stacheldrahtzäune, die Menschen voneinander trennen. Dass das auch die Menschen sehr beschäftigt habe ich etwa in Sobissi erfahren können, das nur wenige Kilometer entfernt der de-facto-Grenze zu Süd-Ossetien liegt.

Auch wenn ich zugeben muss, dass mich die Geschichten manchmal doch eher zum Augenrollen bringen, wenn meine Eltern von der DDR und der Wende erzählen und ich mir denke „Geht das schon wieder los?“, finde ich, dass wir sehr dankbar sein sollten für diese Freiheit und Hoffnung, die nicht selbstverständlich ist und wo sich auch wieder der Bogen zum Freiwilligendienst schlägt. Wir haben die Freiheit reisen zu können, für damalige DDR-Bürger nicht selbstverständlich. Wir können zumindest in Ansätzen Hoffnung in die Welt tragen und vielleicht einen kleinen Teil dazu beitragen andere Menschen zu empowern, die Mauern, die für sie existieren abzubauen oder wie es die georgische Nationalhymne, die am Anfang der Veranstaltung gesungen wurde, sagt: „თავისუფლეგა დღეს ჩვენი მომავალს უმღერს დიდეგას.“ (Tavisupleba dghes chveni momavals umghers didebas) – „Heute singt unsere Freiheit von der Herrlichkeit der Zukunft.“ Dazu kam noch die Meldung, dass eine Berliner Initiative ein Stück der echten Mauer, beschrieben mit der Bitte, weiter für den Abbau von Mauern zu kämpfen, nach Washington D.C. geschickt hat, was mich auf eigenartige Weise berührt hat und was mich daran erinnert, dass ich, ihr und eigentlich alle nie damit aufhören sollten Mauern zum Fallen zu bringen, sei es im Privatleben, in der lokalen Gesellschaft oder global.

Schöne Schlussworte eigentlich aber das Wochenende war noch nicht vorbei, denn am Sonntag weihte uns unsere Georgischlehrerin Lela in die Kunst der Khinkalizubereitung ein. Die mit Fleisch, Pilzen, Kartoffel oder anderem gefüllten georgischen Teigtaschen sind gar nicht mal so schwer selbst zu machen, obwohl es sie auch fertig im Supermarkt gibt. Das Zusammenfalten des Teiges ist manchmal etwas umständlich, um wirklich einen vollen Verschluss hinzubekommen, aber es geht. Außerdem haben wir uns noch an Doppeldecker-Khinkali mit zwei gefüllten Kammern versucht, die zwar laut Lela ziemlich selten zu finden sind, aber auch auf eine spaßige Art herausfordernd zu machen sind. Ein paar Bilder davon hat Noémi von mir gemacht, soadass ich euch eine Art kleines Bildertutorial zeigen kann.

Außerdem habe ich noch ein paar Bilder aus dem kleinen Kurort Borjomi im kleinen Kaukasus für euch, wo ich mit Lillian und ihrer Freundin Hannah ein Wochenende verbracht habe, was aber sonst zu kurz war für einen Artikel und ein Bild von dem süßen Kätzchen das unsere Landesmentorin Megi in der Stadt aufgelesen hat und jetzt etwas aufpäbbelt, denn, wie man bei uns in der Familie gerne sagt: „Katzenbilder gehen immer“.

Blick über den Fluss in Borjomi, übrigens die Mtkvari, die auch durch Tbilisi fließt

Ein kleiner Spaziergang durch den Wald (aus 50min des Wegweisers am Rundweg wurden 20min)

Pisa, das Kätzchen

Eine Portion Selbstironie

Morgens 7:45 Uhr klingelt mein Wecker und ich denke mir nur…Nein. Das Wochenende und der Feiertag am Montag haben meinen Schlafrhythmus etwas nach hinten verschoben und auch wenn ich deswegen viel schlafen konnte, fällt das Aufstehen schwer. Ca. eine halbe Stunde später verlasse ich mein Bett dann. Den Wecker habe ich mir aufgrund dieser Angewohnheit extra schon auf eine frühere Zeit gestellt. Nach dem Frühstück, natürlich mit einem großen Glas schwarzen Tee zum Wachwerden, mache ich mich auf den Weg. Draußen scheint die Sonne, es ist aber auch sehr diesig. Etwa 10 Minuten dauert mein Weg zur Bushaltestelle, da ich etwas am Berg wohne. Vorbei am neuen Hotel an der Straße, einigen kleinen Obst- und Gemüseständen und den Anzeigetafeln der Busse auf der Ortachala Street, die aber eigentlich immer mehr als 20 Minuten bis zum nächsten Bus anzeigen. Hier etwas auf dem Berg im Südosten Tbilisis braucht man eine kurze Weile bis zum Trubel, der der Stadt sonst innewohnt. Unten an der großen Straße und der Bushaltestelle angekommen, fährt gerade die 71 in der Gegenrichtung ein, in die ich sonst immer fahre aber sie bringt mich in etwa 10 Minuten zur Isani Metro Station, weswegen ich in den grünen MAN-Bus springe.

An der Metro Station steige ich aus, muss aber noch über die, in allen drei Richtungen einer Kreuzung mindestens zweispurigen Straßen, um zur Metro zu kommen. Die Autos halten zum Glück manchmal an. Trotzdem habe ich in den vergangenen zwei Monaten hier in Georgien gelernt, dass es oft ein bisschen Selbstvertrauen erfordert, einfach loszugehen um über die Straße zu kommen. Durchs Drehkreuz und über eine lange Rolltreppe gelange ich zur U-Bahn. Hatte ich erwähnt, dass ich Rolltreppen in die U-Bahn dafür hasse, dass aufgrund der schrägen Werbeplakate oder Wandfliesen mein Gleichgewichtssinn etwas aus der Balance kommt. Die erste Metro ist so voll, dass ich erst die nächste nehmen kann. Viel leerer ist die aber auch nicht. Rush Hour eben. Rustaveli steige ich aus und warte dort auf Anna. Sie wurde letzte Woche von einer Freundin ihrer Vermieterin gefragt, ob sie als Unterrichtsmaterial Aufgaben einsprechen kann und ob sie eine „männliche Stimme“ kennt. Das war ich.

Deswegen machen wir uns zusammen auf den Weg ans westliche Ende von Tbilisi im Stadtteil Saburtalo, wo sich die State University befindet. In der Metro ist es allerdings so laut, dass ich Anna nicht wirklich nach ihrem Wochenendausflug nach Stepantsminda fragen kann. Am Hauptbahnhof schieben wir uns durch die Menschenmassen zur Saburtalo-Line, der zweiten Metro-Linie in der Stadt. Vaja-Pshavela steige ich in der Annahme, dass es die Endstation ist aus Versehen aus. Auf Google Maps ist die wirkliche Endhaltestelle irgendwie nicht eingetragen… Zum Glück kommt nach nur wenigen Minuten die nächste Bahn und ich fahre noch eine Station. Die Haltestelle State University ist ein krasser Kontrast zu den bisherigen Stationen. Hier ist alles neu, weiß gefliest mit einigen Farbakzenten und ohne wuchtigen Säulen, wie in den anderen Bahnhöfen. Draußen warten wir ein paar Minuten auf Tamara, Germanistin an der Uni, die uns abholt. Ein paar Minuten fahren wir noch mit der Marschutka, um zum National Assesment an Examinations Center, dem Prüfungszentrum der Uni zu kommen.

Dort haben wir dann bei ein paar Keksen und Tee geholfen, die Texte, die wir einsprechen würden, auf Fehler zu prüfen und ein paar Satzkonstruktionen der Aufgaben umzustellen. Mit einem „Interview“ mit dem Initiator von Plant-for-the-Planet (Baumpflanzaktion), vier verschiedenen Meinungen zum Thema Facebook und einem Bericht über ein Auslandsjahr in Australien waren die Texte zwar im Nachhinein die thematischen Klischees von Hörverstehenaufgaben, wie ich sie selber aus meiner ja nicht allzu weit zurückliegenden Schulzeit kenne aber es ist eine sehr interessante Erfahrung jetzt mal auf der „anderen Seite“ zu stehen. Beim Üben der Texte machte sich zwar noch etwas die Erkältung vom Wochenende bemerkbar aber zum Glück gab sich das dann für das Einsprechen. Im kleinen „Studio“ sitzen Anna und ich wenig später an zwei Tischen mit Mikrofonen, als jemand der vor einer Weile ein bisschen Musik am Laptop produziert hat natürlich eine schöne Erfahrung, auch wenn es in diesem Fall nur Einsprechen ist. Unter Aufsicht der zwei Tontechniker und Keti, die die Sache organisiert hat, beginnen wir bald mit unseren Texten. Zum Glück müssen wir bei Fehlern nur den letzten Satz nochmal neu anfangen, Audiosoftware mit Ausschneidefunktion sei Dank. Am Anfang gebe ich mir Mühe möglichst seriös und auffordernd die Aufgabenstellung einzusprechen, bevor Anna den Text über Erlebnisse eines Mädchens im Australienauslandsjahr für eine Abiprüfung liest. Ich kann so erstmal kurz beobachten und mich auf meine eigenen Texte vorbereiten. An manchen Stellen fällt es mir doch schwer ein Lachen zu unterdrücken, an so ein Recording muss man irgendwie mit einer gewissen Portion Ironie rangehen, hatte ich das Gefühl, denn wirklich ernst nehmen konnte ich mich nicht. Das in den Texten aber nicht durchklingen zu lassen, fand ich zwar nicht immer einfach aber ich glaube, dass es mir doch ganz gut gelungen ist. Für meinen größeren Text „interviewt“ mich Anna zur Baumpflanzinitiative von Felix Finkbeiner, dem ich für den Moment die Stimme leihe und referiere, wie man mit Bäume pflanzen viel für Umwelt, Klima und Menschen erreichen kann. Ein alter Running Gag aus der achten Klasse „Seid sozial, pflanzt Bäume“ schleicht sich in meinen Kopf. Beim Wort Zeitungen bleibe ich kurz im Text hängen, keine Ahnung warum, aber irgendwie kommt es mir erst nach ein paar Versuchen flüssig über die Lippen. Der und der folgende Text sind jetzt zwar für angehende Lehrer*Innen aber trotzdem frage ich mich an manchen Stellen ob ich vielleicht nicht doch etwas langsamer sprechen sollte. Dazu kommt, das Interview trotz Textvorlage möglichst authentisch rüberzubringen. Das ging für mich erstaunlicherweise aber recht gut. In den folgenden Texten zu den Vor- und Nachteilen von Facebook verlese ich wieder die Aufgabenstellung und Anna und ich sprechen beide jeweils zwei verschiedene Meinungen ein. Irgendwie kommt es mir komisch vor, diese vier Meinungen plus Aufgabenstellung nur mit zwei verschiedenen Stimmen zu haben aber naja, lässt sich nicht ändern. Trotzdem überlege ich was die Prüflinge dann von den Aufnahmen halten werden. Einige Sätze müssen wir beim Kontrollhören nochmal einsprechen aber das ist ja kein Problem.

Danach geht es für uns schon bald wieder zurück Richtung Innenstadt. Keti begleitet uns zum Aufzug und wir machen uns auf dem Weg zum Bus zur Metrostation. Anna zieht es zum Arbeiten in die Fabrika und ich mache mich auf den Weg ins Büro, hole mir kurz noch einen Chatschapuri und einen kleinen, wie sich später herausstellt relativ scharfen Kebab und sehe, ob ich im Büro noch mit meinem Kollegen Levan etwas absprechen muss/kann.

Sobissuri

Erstmal möchte ich mich entschuldigen, dass jetzt erst der nächste Beitrag kommt. Seit dem letzten ist ja ein wenig Zeit vergangen aber irgendwie hat es sich für mich nicht angefühlt, als wäre viel passiert, was vielleicht daran liegt, dass ich mittlerweile irgendwie einen relativ ruhigen, entspannten, aber auch manchmal ereignislosen Alltag gefunden habe und irgendwie auch wenige Ereignisse besonders berichtenswert waren. Allerdings gab es trotzdem einige interessante schöne Tage, vor allem in Sobissi im Sobissuri-Projekt. Vielleicht fange ich aber trotzdem mit ein paar kleineren Sachen an, die ich erzählen kann. Ich durfte endlich meinen Chef David kennenlernen, der die Zeit davor in Svanetien verbracht hat und mit dessen Anwesenheit auch meine Arbeitsmöglichkeiten gestiegen sind, was auch Hannes, mein Vorgänger, mit ähnlichen Erfahrungen bestätigt hat. Mit David konnte ich dann auch etwas detaillierter besprechen, welche Aufgaben ich übernehmen kann und die folgende Woche verbrachte ich zwei Tage in Sobissi.

Am erste Tag dort konnte ich ein bisschen der Bohnenverarbeitung zuschauen und mit David besprechen, was am Haus und der Einrichtung noch verbessert werden könnte, da EthicFinance einen Förderungsantrag bewilligt bekommen hat und nun Geld zur Verfügung steht um das Sobissuri-Projekt weiter zu verbessern, nachdem ich mich, um David zu treffen, die Stadt bis zur Metrostation Didube durchquerte. Didube hatte ich beim ankommen dort das Gefühl, ist eine eigene kleine Welt für sich, schon beim Verlassen der Station bekommt man Fahrten nach Kazbegi, Kutaisi oder Batumi angeboten, der Vorplatz ist voll von Essensständen oder Souveniershops und ich fühlte mich ein bisschen wie einige hundert Kilometer nach Osten versetzt, ins Zentralasien, wie ich es mir vorstelle.

Beim nächsten Besuch am Freitag (27.09.), kamen wir in großer Runde nach Sobissuri, David und seine Frau, drei deutsche bzw. schweizer Freunde von David, Toko und ich. Davids Freund Volker und ich kümmerten uns um die Traubenernte im Hof, wo die Trauben in rauen Mengen, manchmal allerdings von der Sonne schon in Richtung eines Rosinenzustandes gebracht, hingen. Den größten Teil des Tages verbrachte ich wahrscheinlich auf dem Dach des Lieferwagens von Sobissuri-Mitarbeiter Gia, um die hochhängenden Trauben zu erreichen, bis ich nach gefühlt vielleicht 20 Kilo geernteten Trauben mit weinrot-saftgefärbten Händen vom Lieferwagen kletterte.

Auf dem Dach des Lieferwagens

Traubenausbeute

Aufgrund der hohen „Besucherzahl“ kam es dann dazu, dass wir am Abend mit den MitarbeiterInnen und Gästen eine Supra, das große georgische Essen bzw. die georgische Tafel, veranstalteten mit Grillschaschlik, Brot, Jonjoli, Lobio (Bohnen), Tomaten-Auberginen-Mischung und natürlich viel Wein. Mit Volker, der durch seine georgische Frau auch ganz gutes georgisch spricht, als Tamada (Tischführer), der die Trinksprüche hält, die ein wichtiger Teil des Essens sind, kamen wir auch nicht zu selten zum Genuss des, natürlich auch im Projekt hergestellten Weines, was aber bei der Menge an Essen etwas abgemildert wird. Es war für mich auf jeden Fall eine sehr interessante Erfahrung, eine Supra mitzuerleben und ich finde es sehr interessant welche Bedeutung etwa den Trinksprüchen zukommt, um sich z.B. an Verstorbene zu erinnern, Lebensweisheiten zu vermitteln oder auch den Krieg mit Russland 2008 zu rekapitulieren, was im Dorf nahe der de facto Grenze zu Süd-Ossetien nochmal eine besondere Bedeutung bekommt. Nach viel Essen, 8l Wein für 11 Personen und vielen Geschichten ging es dann langsam zurück nach Tbilisi. Volker verbrachte, sichtlich angetrunken, die Fahrt schlafend auf der Rückbank von Tokos Auto. Das Essen mit den Fachkräften von Brot für die Welt in Georgien und den anderen Freiwilligen am selben Abend habe ich dadurch leider verpasst, ein paar habe ich trotzdem noch auf einen Drink getroffen.

Tischgesellschaft (v.l.n.r. David, ich, Gia, Volker, Rolf und Andrea (Davids Schweizer Freunde), Marie (Davids Frau); nicht wirklich im Bild: die Sobissuri-Mitarbeiterinnen und Toko, der das Bild geschossen hat)

Drinks durften auch am nächsten Abend in der Dive Bar nicht fehlen, wo ich meinen alten Bekannten Giorgi (den Zweiten) mal wiedertreffen konnte und wir gemeinsam Lillian mit einer guten Portion Sarkasmus auf die Nerven gehen konnten 😉 .

Den nächsten Tag, den ich in Sobissuri verbrachte war der vergangene Mittwoch. Am Tag davor bekam ich Abends einen Anruf von David, da eigentlich nur geplant war einige Kästen Saft in Tbilisi auszuliefern aber eine ganze Menge Äpfel haben den Weg in den Hof von Sobissuri gefunden und mussten verarbeitet werden, weswegen ich mich wieder früh auf den Weg durch die Stadt machte um von Toko in Didube aufgegabelt zu werden. Angekommen musste ich erstmal über den gigantischen Haufen Äpfel staunen aber schon bald konnte die Verarbeitung beginnen, aber erst nach einer kurzen Teepause. Anfangs hatten wir zwar etwas Probleme mit der Obstmühle, die mein Arbeitsplatz für den Tag darstellen sollte, aber nach kurzer Reinigung und dem anschließenden Anlaufen lassen schnurrte sie wie ein Kätzchen. Nach dem Aussortieren und Waschen landeten die Äpfel dann in großen Eimern oder Kisten bei mir an der Kernobstmühle oder wie ich die gerne nenne, den Schredder. Den ganzen Tag Äpfel in den Trichter zu schmeißen und unten die Apfelmaischekisten zu füllen mag zwar eintönig klingen aber irgendwie muss ich sagen, dass es auch Spaß macht, vielleicht weil ich das Gefühl habe am Ende Teil der Produktionskette eines fertigen Produktes zu sein. Nach dem schreddern landete die Maische dann in der Saftpresse und nach dem nochmal durchsieben und dem Erhitzen landet der Apfelsaft auch schon in seinen Flaschen. Etwa 150-160l Apfelsaft haben wir an diesem Tag hergestellt und ich hatte die Gelegenheit Lillian und Lela am Abend beim Sprachkurs eine frische Flasche Apfelsaft anzubieten.

Eine ganze Menge Äpfel

Vom Waschen…

…in den Schredder…

…und ab in die Kiste

…von da zur Presse…

…und rein in die Flaschen.

So…das wars erstmal so mit dem Statusupdate und mit den Erlebnissen die ich so in den letzten doch schon zwei Wochen hatte. David ist wieder in Svanetien, weshalb ich wieder bisschen sehen muss, wo und was ich an Arbeit finde aber so bleibt mir zumindest etwas Zeit zum Blog schreiben. Mal sehen ob es am nächsten Wochenende raus aus Tbilisi in die Berge geht um nochmal den bisher recht warmen und sonnigen Oktober zum Natur genießen und Wandern zu nutzen. Dann hätte ich auch wieder etwas, worüber ich lieber schreibe als über meinen Arbeitsalltag. Den Versuch einer Wanderung zum Kasbek habe ich zwar schon angesprochen aber kommt wahrscheinlich dann eher nächsten Sommer 😉 .

Klein und Groß

Mein Wochenende war etwas voll, sodass ich nicht wirklich zum Blog schreiben gekommen bin. Deswegen ist das jetzt der Nachtrag zur Woche vom 16.-22.09. und der Blogeintrag zur folgenden Woche kommt dann hoffentlich am Wochenende wieder. Da ich die Woche nicht viel zu tun hatte, werde ich mich in diesem Blogeintrag auch ein bisschen genereller mit der aktuellen Klimapolitik auseinandersetzen, da es ein großes Thema ist, was mich seit dem Ausreiseseminar in Berlin aber die vergangene Woche besonders intensiv beschäftigt hat.

Fangen wir aber vielleicht doch am Wochenanfang an, am Montag, meinem einzigen Arbeitstag der vergangenen Woche. Mit Tornike „Toko“ habe ich mich auf den Weg in das kleine Dorf Kvemo Sobissi in der Nähe der Stadt Gori nahe der de facto Grenze zu Süd-Ossetien gemacht. In diesem Dorf befindet sich das Projekt Sobissuri, das mit regionalen Erzeugnissen Produkte wie Apfel- und Traubensaft, sowie passierte Tomaten, Essig oder anderes eingelegtes Gemüse herstellt. Von Tbilisi fährt man zu erst etwas nach Norden, bevor man kurz nach der Durchfahrt zwischen Mzcheta und dem Berg des Dschvari-Klosters nach Westen abbiegt und durch das weite Tal zwischen den Ausläufern des großen Kaukasus im Norden und denen des kleinen Kaukasus im Süden fährt. Kurz vor Gori führt eine etwas holprige Straße in das Dorf, das eine sehr andere Atmosphäre als das laute und chaotische Tbilisi ausstrahlt. Angekommen helfe ich Toko einige der Tomatengläser die wir aus Tbilisi mitgebracht haben, und die weiter nach Mestia gehen, wie er mir später erklärt, ins Lager zu Räumen und er gibt mir einen Überblick über die restlichen Produkte, die im Lager stehen, von mehr Tomaten und riesigen Essigfässern bis zu Gläsern eingelegter Kolchischer Pimpernuss (Dschondscholi). Sollte euch der Name nichts sagen, seid beruhigt, ich kannte ihn auch nicht. Beim Mittagessen fragt mich eine der Mitarbeiterinnen auf deutsch wie ich heiße, ich antworte auf georgisch „Me mkvia Alwin“, zumindest das kann ich. Den Rest der Konversationen verstehe ich allerdings nicht bzw. nur einzelne Worte. Bevor wir uns auf den Rückweg machen laden wir einige Kästen Apfel- und Traubensaft ins Auto. Die Flaschen dafür reihen sich in einem extra Lager zu beeindruckenden Mengen auf. Auf dem Rückweg bescheint die Sonne die beeindruckenden, schroffen Gebirgsstrukturen und Toko fährt extra etwas langsamer, damit ich ein Foto machen kann.

Der Weg nach Sobissi

Die Apfelplantage/Wiese/…, die Berge im Hintergrund sind bereits Süd-Ossetien

Der Garten von Sobissuri

Hier findet sich das kleine Dorf auf der Karte, und ja, es gibt dort super Netz

Das Tomaten- und Essiglager

Nein, kein Saftladen, aber das Saftlager

Soviel zu meinem einen Arbeitstag in Sobissi und jetzt dazu, warum mich die Klimapolitik diese Woche sehr beschäftigt hat. Nicht nur war sie die Woche des neuen Groko-Klimapakets und riesiger Klimastreiks in der ganzen Welt, sondern auch für mich persönlich eine in Teilen fordernde Woche. Es begann mit einigen, sagen wir mal nicht ganz so schönen Kommentaren meines ehemaligen Fußballtrainers, der mit dem Aufruf des CVJM zum Klimastreik am 20. September nicht einverstanden war. Die Kommentare haben mich dann dazu veranlasst einen Brief, mit Kritik an diesen Kommentaren zu schreiben und einer anschließenden langen WhatsApp-Diskussion bis hin zum Thema ist Kohlenstoffdioxid aus menschengemachten Quellen wirklich verantwortlich für die Erderwärmung, was eine Diskussion war, von der ich gehofft hatte, sie eigentlich nicht führen zu müssen, denn es gibt sehr klare Beweise dafür. Ohne CO2 als Treibhausgas hätten wir auf der Erde eine Durchschnittstemperatur von etwa -18°C und auch wenn das Gas nur einen geringen Anteil am Luftvolumen hat, ist es das am häufigsten vorkommende Treibhausgas, wodurch schon kleine Veränderungen in der Konzentration große Auswirkungen haben. Deswegen sollten wir uns, wie ich finde, Gedanken machen, wie wir nicht nur als Land, sondern auch privat CO2-Ausstoß reduzieren können, den das aktuelle Klimapaket wird es nicht schaffen in den Zielsetzungen des Pariser Abkommens zu bleiben. Als ich am Freitag die Ergebnisse und Meinungen dazu gehört habe, musste ich an ein Gespräch zurückdenken, dass einige andere Freiwillige und ich mit der Klimaexpertin von Brot für die Welt hatten. Ihre größte Befürchtung war es, nicht das z.B. die AfD gar keinen Klimaschutz betreibt, sondern dass halbherzige Maßnahmen der CDU und SPD kommen, diese aber so gut wie nichts verändern werden und ich habe das Gefühl, genau das ist letzten Freitag eingetreten. Eine weiterer Diskussionspunkt auf WhatsApp und auch beim Seminar in Berlin war unsere globale Verantwortung. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt und Deutschland, sowie die meisten anderen Staaten des globalen Nordens sind für einen großen Teil der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Unter den Folgen des Klimawandels werden aber nicht wir primär leiden sondern Menschen, die sowieso schon unter Armut und lokalen und globalen Ungerechtigkeiten leiden, Menschen, die etwa in Bangladesch ihr Haus verlieren, weil es unter Wasser steht oder Menschen, die von den Dürren der Sahelzone betroffen sind. Das soll nicht heißen, dass wir keine Folgen spüren, die Sommer der letzten Jahre haben das eindrücklich gezeigt, aber wir haben Möglichkeiten damit umzugehen und womit haben wir als Deutsche das Recht verdient, die Lebenssituation von Menschen in anderen Ländern zu verschlechtern, indem wir weitermachen wie bisher? Ich glaube, dass zwar auch von Seiten der Politik mehr kommen sollte, aber auch wir als einzelne Personen können dabei helfen, indem wir vielleicht mal das Auto stehenlassen, wenn es anders geht, darauf achten regionaler einzukaufen oder auch weniger Fleisch zu essen kann alles dazu beitragen den ökologischen Fußabdruck zu verringern. Zur Zeit esse ich zu Beispiel echt wenig Fleisch, auch wenn, das kann fast jede/r der/die mich kennt bestätigen, ich ein großer Fleischliebhaber bin. Ist das nur aus klimaschutztechnischen Gründen? Nicht nur, aber es ist ein hübscher Nebeneffekt.

Was mich diese Woche sehr gefreut hat, ist das aber Menschen weltweit für Veränderungen auf die Straße gehen, in Dresden, wo mehr Demonstrant*innen für mehr Klimaschutz unterwegs waren, als selbst PEGIDA zu Hochzeiten selten versammeln konnte, in den anderen Städten Deutschlands, wo die Demos nochmal größer waren, wie in Berlin, aber auch in vielen anderen Orten der Welt, wie hier in Tbilisi, wo vielleicht nur 100 Menschen, inklusive Lillian und mir, sich versammelt haben, die trotzdem Teil der globalen Bewegung sind und die zeigen auch uns ist es wichtig. Das berührendste Bild des Freitags für mich kam aber aus Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, wo junge Menschen unbeeindruckt von fast täglichen Anschlägen demonstriert haben, an einem Ort der definitiv mit anderen Problemen zu kämpfen hat, aber auch ihnen ist das Thema wichtig. Es betrifft uns alle auf diesem Planeten aber ich bin, zumindest noch, zuversichtlich, dass wir die Möglichkeiten haben etwas zu tun, privat, gesellschaftlich und politisch. Auch wenn es vorkommen kann als Verfechter*in einer „Öko-Diktatur“ bezeichnet zu werden oder wenn Fakten aus ihrem Kontext gerissen und in einen anderen gebracht werden um Erderwärmung oder die Sinnhaftigkeit des Handelns in Frage zu stellen. Dass das anstrengend sein kann habe ich selbst erlebt, aber sich davon entmutigen oder einschüchtern zu lassen, halte ich für falsch.

Tbilisi, kleine Demo vor der City Hall

Für mich das Bild der Woche

Fridays for Future Dresden, das Banner meiner Schule

Vielleicht zum Schluss nochmal was zu meinem Wochenende. Am Freitag Mittag bin ich der Empfehlung von Iva zu einer Diskussion über das Verhältnis von Kirche und Staat in Russland, organisiert von der Konrad Adenauer Stiftung, gefolgt. Ein Thema, über das ich vorher noch nie wirklich nachgedacht habe, und was dadurch einfach zur Horizonterweiterung ganz nett war, vor allem wenn Levan, unser Landesmentoren einer der Diskuntanten ist, was ich vorher nicht wusste. Den Samstag Abend verbrachte ich zusammen mit Anna bei Standup Tbilisi, einer kleinen Gruppe, die wie der Name schon sagt, Standup Comedy Abende organisiert, das ganze auch auf Englisch, sodass keine Verständnisschwierigkeiten bestehen. Am Sonntag trafen wir uns dann mit Sofia, die aus Kutaisi für das Wochenende nach Tbilisi gekommen war in einem gemütlichen Café am Rustaveli Avenue zum Frühstückund wanderten danach etwas durch die Stadt, bevor ich mich am Nachmittag zum Fußballspielen verabschiedete. Über Facebook habe ich ein paar Tage eine Fußballgruppe gefunden, die sich sonntags zum freundschaftlichen Kicken trifft, eigentlich genau was ich gesucht habe, auch mit vielen Teilnehmern von Australien über Russland und Libanon bis Kanada. Mir tat es auf jeden Fall gut mal wieder auf dem Platz unterwegs zu sein. Zum Abschluss noch ein paar Bilder meines Frühstücks, warum auch immer…sieht schön aus, vielleicht sollte ich auch Foodblogger werden. 😉

Von Langeweile zu ziegelroten Dächern

Was regt mich an diesen Titel zu schreiben, der ja schon erstmal sehr negativ klingt? Was ist diese Woche passiert und wie gehe ich damit um? Diese Fragen habe ich mir diese Woche auch gestellt. Ganz nüchtern gesagt: Es gab diese Woche einfach nur wenig zu tun. EthicFinance fängt gerade erst wieder an zu arbeiten und eine Situation, wie ich sie schon in der vorherigen Woche bei Coalition Homecare erlebt habe trifft leider auch auf EthicFInance zu. Wenn ich meinen Kollegen Levan, dem ich am Dienstag geholfen habe das Büro umzuräumen und einzurichten, richtig verstanden habe, darf die Organisation aufgrund eines Gesetzes keine Kredite von ausländischen Investoren/Partnern in US-Dollar annehmen, weshalb die Ethic Capital-Sparte, die als Mikrokreditgenossenschafft agierte, dem Ende zugeht. Übrig bleiben das Projekt Sobissuri bei Gori und EthicFinance, die Verwaltung des Projekts. Schon dadurch gibt es einfach weniger Aufgaben, nicht nur für mich, sondern generell. Für mich persönlich hat diese Problematik die Woche auch überschattet, da es mich, wie schon bei Coalition Homecare, traurig macht zu sehen, wie NGOs in ihrer Arbeit, in die über Jahre viel Energie und Leidenschaft geflossen ist, eingeschränkt sind und so einzugehen scheinen.

Mich aber an den Abenden mit Lillian und Anna zu treffen, die beide hier in Tbilisi ihre Partnerorganisationen haben, war dahingehend für mich aber eine große Erleichterung um den Raum zum Austausch zu haben, Probleme und Schwierigkeiten zu besprechen oder einfach nur das Wissen zu haben, dass wir einander zuhören und uns wenn möglich unterstützen können.

Am Mittwoch durfte ich dann meinem anderen Kollegen, Toko, helfen 50 Flaschen Apfel- und Traubensaft vorzubereiten, inklusive Flaschen putzen und etikettieren und dann an zwei Hotels in Tbilisi auszuliefern, was ich genossen habe; Ich hatte immerhin etwas zu tun. Danach wurde es dann etwas schwieriger. Den Donnerstag und Freitag war Arbeitsflaute und ich habe gemerkt, dass es wahrscheinlich eine meiner größeren Herausforderungen werden könnte, meine Freizeit oder arbeitsfreie Zeit sinnvoll oder zumindest halbwegs sinnvoll zu gestalten. Das aber zu erreichen, hat mich diese Woche auch beschäftigt, nach dem Motto: „Ist es schlecht, wenn ich es langsam angehen lasse und dann aber in alte bzw. gewohnte Verhaltensweisen zurückfalle und ich mich so nicht aus meiner Komfortzone bewege und sich letztendlich nichts für mich verändert.

Um Tbilisi zu entfliehen und in meinem Fall, etwas vor zu haben, machten wir drei uns am Samstag auf den Weg in die kleine Stadt Sighnaghi, ein Ort im Südosten Kachetis, der für seine renovierten Dächer mit italieneischem Flair bekannt ist. Früh gegen halb elf trafen wir uns dafür an der Isani Metro Station um ein Taxi zu finden, das uns in die Weiten Kachetis bringen sollte. Es stellte sich einfacher heraus, als wir uns es gedacht hätten. Direkt vor der Metrostation wurden wir von einem Fahrer plus Dolmetscher angesprochen, der anbot uns nach Sighnaghi zu fahren. Nach einer kurzen Wartezeit verließen wir dann mit drei anderen Mitreisenden die Stadt, zwar nicht immer im schnellsten Tempo, aber letztendlich kamen wir nach einer wahrscheinlich etwa 2-stündigen Autofahrt durch die sanften Hügel, Ebenen und bewaldeten Bergrücken durch Kacheti an unserem Zielort an. Im schönsten Spätsommersonnenschein machten wir uns auf das kleine Städtchen zu erkunden, vorbei am Rathaus, durch einen Park mit einem Musiker und vielen Souvenirständen zu einer Kreuzung, an der sich der weite Blick über einen Teildes Ortes und das dahinterliegende weite Tal des Alasani bis zu den hohen Bergen des östlichen großen Kaukasus an der russischen Grenze.

Nach einer kurzen Weile des weiteren Spazierganges packte uns dann der Hunger auf ein wohlverdientes Mittagessen und wir genehmigten uns einige Khinkali, Chatschapuri und Tomaten-Gurken-Salat, komplementiert mit frischem Pfirsichsaft. Nach einiger Zeit des Essens und des Trauben von den über unseren Köpfen wachsenden Reben mopsen, machten wir uns dann auf den Weg weiter den Ort zu erkunden. Nach dem Besuch eines alten Wehrturm der Stadtmauer, einem hervorragenden Aussichtspunkt, ging es dann in den tieferliegenden Teil Sighnaghis, zur grasbewachsenen Kirche und zu einem weiteren Spaziergang an der alten Stadtmauer. Auf dem Rückweg zur Ortsmitte und zur Marschrutka für den Rückweg genossen wir noch Kaffee bzw. Tee auf der schönen Terasse eines kleinen Cafés. Am Abfahrtspunkt der Marschrutka angekommen, war diese leider schon voll und wir mussten mit einem Taxifahrer verhandeln, der uns zurück nach Tbilisi bringen könnte. Letztendlich ließ er sich, nach dem wir sein erstes Angebot von 80 Lari (Hinweg 10 Lari pro Person) auf 45 Lari herunterhandeln und so machten wir uns, mit zwischenzeitlichem Taxiwechsel auf den Rückweg in einen strahlend roten Sonnenuntergang. Und jetzt: natürlich die Bilder des Ausfluges

Taxifahrt nach Sighnaghi

Auf dem Weg durch die Berge Katchetis/Kachetiens

Stopp an einer kleinen Tankstelle

Das Rathaus von Sighnaghi

Nein, es sind Wolken, kein Schnee

Ausblick über Sighnaghi und das weite Tal

Die Trauben im Restaurant

Aussicht vom Wehrturm der Stadtmauer

Kirchturm und Teppichverkauf

Noch ein Turm der Stadtmauer

Eine letzte Ortsansicht, weils so schön ist

Ein Tag geht zu Ende

Diesmal ein wahrscheinlich nicht so langer Beitrag, aber einer der mir sehr leicht gefallen ist zu schreiben, vielleicht auch dadurch einmal meine Herausforderungen zu beschreiben, die z.B. auch noch nicht das Essen einkaufen für mich alleine enthalten 😉

Morgen geht es dann zum ersten mal nach Sobissi und ich hoffe, dass der nächste Blogeintrag wieder von mehr guten Gefühlen und Eindrücken geprägt ist.

Rumgekommen

Auch die dritte Woche in Tbilisi geht jetzt mit vielen Eindrücken und Informationen zu Ende. Dass ich diesen Beitrag auch jetzt erst am Sonntag bzw. Montag schreibe, trägt natürlich auch dazu bei, bietet sich aber ganz gut an, da die gemeinsame Zeit mit meinen Mitfreiwilligen hier in Tbilisi, mit täglichem Sprachkurs und Nachmittagsaktivitäten jetzt zu Ende geht und wir am Montag gewissermaßen den „richtigen“ Teil unseres Freiwilligendienstes in unseren Einsatzstellen/Partnerorganisationen beginnen. Aber erstmal zurück zu den Geschehnissen der Woche seit dem letzten Eintrag.

Die Woche hatte zum Beispiel neben dem Sprachkurs auch die Besuche in zwei Partnerorganisationen von Brot für die Welt hier in Tbilisi zu bieten, tatsächlich auch zwischen den Projekten CENN und Coalition Homecare, in denen auch zwei meiner Mittfreiwilligen arbeiten, ein starkes Kontrastprogramm mit sehr interessanten Diskussionen. Bei CENN (Caucasian Environmental NGO Network), einer Organisation, die viel im Bereich Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Abfallmanagement und Bildungsarbeit hinsichtlich dessen aktiv ist, bekamen wir einen Einblick in die Arbeitsweise und Strategien von CENN und diskutierten über Müllvermeidungsstrategien, Clean-Ups und die Verbreitung von Bildungsarbeit zu Nachhaltigkeit.

Um vielleicht noch ein paar Hintergründe zu Umwelt- bzw. Müllsituation in Georgien zu geben, über die wir bei CENN gesprochen haben, hier das wichtigste zusammengefasst. CENN arbeitet an verschiedenen Stellen in Tbilisi und Batumi an Recycling-Stationen, da sonst der gesamte, ungetrennte Müll normalerweise in Deponien landet. CENN bietet so eine Möglichkeit zur Mülltrennung und Entsorgung, wobei aber zum Beispiel Plastikmüll zum Recycling exportiert wird. Auch im Forstwesen ist CENN aktiv und setzt sich für eine nachhaltige Forstwirtschaft ein, die aber laut den Infos, die wir bekommen haben, besteht. Außerdem organisiert CENN mit Schulen oder anderen Gruppen Clean-Ups/Müllsammelaktionen, wie bei uns z.B. die Elbwiesenreinigung, aber in Gebieten, für die die Gruppen eine spezielle Verantwortung übernehmen, diese sauber zu halten.

Ich hatte das Gefühl, dass das Taoba-Pflegeheim von Coalition Homecare einen großen Kontrast zu dem darstellte, was wir ein paar Tage zuvor bei CENN erlebt hatten. Mit dem Chef der Einrichtung unterhielten wir uns über die Schwierigkeiten der Organisation, die vor einigen Jahren einen großen und bekannten Seniorenclub betrieb, aber jetzt nur noch ein 14-plätziges Pflegeheim führt. Es zeigten sich für mich auch die Hindernisse der Entwicklungszusammenarbeit. Zur Blütezeit von Taoba bestand eine Zusammenarbeit mit europäischen Partnern, die heute aber zurückgefahren ist, um das Projekt durch die georgische Regierung zu finanzieren, was sich aber laut unseren Gesprächen als schwierig herausstellt, da im georgischen Haushalt wenig bis kein Budget für Altenpflege zur Verfügung steht. Ucha, der Chef der Einrichtung kämpft bei der Regierung zwar um Mittel um alten Menschen einen würdigen Lebensabend zu bereiten aber da, laut seiner Aussagen, sich die Regierung auf das mittlerweile aufweichende Mehrgenerationenfamilienmodell stützt und so die Förderung und Finanzierung schwierig ist, scheint es wie eine Sisyphusaufgabe. Andererseits sagt er aber auch, dass er nicht auf internationale Spender angewiesen sein möchte, um zum einen unabhängig zu sein und auch Spender-/Förderländer bzw. deren Steuerzahler sowohl finanziell als auch mental nicht zu belasten.

In unserer Freizeit der letzten Woche konnten wir außerdem nach unserem Besuch bei CENN das Museum of Illusions Tbilisi bestaunen, wo die Signalverarbeitung der visuellen Sinneseindrücke auf die Probe gestellt wird und Spiegel, Licht und Muster die Realität zu verzerren scheinen. Ob man ein Gruppenbild, das anscheinend der Gravitation widerspricht aufnimmt, sich an einen mit Spiegeln ausgestatteten Tisch setzt um mit sich selbst Karten zu spielen, optische Täuschungen zu bewundern oder sich einem „drehenden“ Tunnel aussetzt, das Museum hat viele interessante Effekte zu bieten.

Gravitation? Was ist das? Kann man das essen?

Ganz schön schräg

Der Tunnel, der das Raum-Zeit-Gefüge aus den Angeln habt

Außerdem genossen wir unsere erste Wanderung etwas außerhalb von Tbilisi am Udzo Mountain. Mit dem Taxi verließen wir die Stadt Richtung eines Vororts westlich des Stadtgebietes. Schon beim Aussteigen war es sehr befreiend die frische Bergluft einzuatmen. In der Stadt kommt es mir zwar nicht so vor als wäre die Luft besonders stickig oder feinstaubdurchsetzt, wenn man aber die Stadt verlässt, habe ich das Gefühl, dass es deutlich auffällt. Unsere Wanderung führte uns den hauptsächlich von Buchen und Eichen bewachsenen Hang hinauf, teilweise durch einen alten Bachlauf oder eine Art Abflussrinne und gelegentlichen Ausblicken auf die andere, dicht bewaldete Seite des Tales. Die sonst sehr idyllische Atmosphäre wurde nur leider nur ab und zu von zwei Motocrossfahrern unterbrochen, deren Motorräder ab und zu durch den Wald zu hören waren (sie kamen uns auf unserem Weg nach oben entgegen). Auf dem Bergrücken angekommen, stießen wir auf einige Häuschen und eine Betonplattenstraße, der wir auf dem Sattel bis zu einem kleinen, aber dem Anschein nach recht neuen Kloster folgten.

Start der Wanderung

Zeit für ein Gruppenfoto (auf dem schwarzen Schild in der Mitte steht übrigens „Nicht auf die Mauer setzen“)

Ausblick von der Mauer

Danach folgten wir weiter dem Bergrücken zurück Richtung Tbilisi bis zum höchsten Punkt, bevor uns der Weg wieder etwas nach unten führte und wir nach einigen etwas undurchsichtigen Kreuzungen den richtigen Pfad nach links zum Turtle Lake fanden. Auf dem weiteren Weg kamen wir außerdem an einer spektakulären Aussicht vorbei, an der man zu einen Seite die Größe der georgischen Hauptstadt zumindest etwas erfassen und zur anderen Seite einen Blick in weitere Berge und Täler werfen kann. Nach einiger Zeit des Abstieges erreichten wir dann, vorbei an einer Art Wehrturm und an der mehr als 1 Kilometer langen Seilbahn vom Turtle Lake nach Vake, den See und genossen im Restaurant, das ich schon im vorherigen Post angesprochen habe, unser Dinner, natürlich wieder mit deliziösem Racha-Wein („Chvantschkara“).

Ein weiterer Ausblick von der Klostermauer

Der Blick über Tbilisi von der Aussicht

Die Woche über waren wir wieder beim Yoga, was für mich immernoch eine schräge Mischung aus Entspannung und Schmerzen ist und am nächsten Tag genossen wir eine große Portion Waffeln (bei mir mit Bananen und Schokoladensauce) und sind der Einladung von Megi, unserer Landesmentorin ab Oktober zu ein paar Drinks gefolgt. Dazu kam auch noch ein bisschen vertraute Nachbarschaft aus Dresden, nachdem Oberthürs ihre Rundreise durch Georgien in Tbilisi abschlossen und wir uns in einem kleinen, gemütlichen Café über der Altstadt trafen.

Kaffee mit Oberthürs

Chatschapuri im Ofen (Hefeteig mit Käse gefüllt)

Ich beim Chvischtari-Machen (Maisbrot mit Käse)

Am Samstag trafen wir uns noch zu einem Seminartag mit Planung der zukünftigen Arbeit mit einigen Mitgliedern der Partnerorganisationen, bevor wir am Abend bei unserer Sprachlehrerin Lela in die Künste der Chatschapuri- und Lobianizubereitung eingeweiht wurden und wir so unser erstes selbstgemachtes georgisches Abendessen verspeisen konnten. Den Abend beendeten wir aber dann nicht damit sondern wir ergaben uns den wummernden Kickdrums und Bässen im Bassiani, dem wahrscheinlich berühmtesten Techno-Club Tbilisis.

In der neuen Woche beginnt für mich jetzt langsam die Arbeit bei EthicFinance, was aber nach der derzeitigen Planung relativ entspannt anläuft und mich warscheinlcih erst nächste Woche mit der Verarbeitung der Ernteprodukte in Sobissi bei Gori komplett in den Arbeitsalltag bringen wird. Ich freue mich auf jeden Fall auf die Arbeit außerhalb Tbilisis, als Abwechslung und um auch das Leben auf dem Dorf wahrnehmen zu können.

Tiere, Kirchen und Tschatscha

Nun sind es schon zwei Wochen in Georgien und ich habe das Gefühl das langsam eine Art Normalität einkehrt. Früh halb neun klingelt der Wecker, dann zeit für eine runde morgendliches Workout, duschen und dann auf ins Büro von EthicFinance zum Frühstück mit den anderen. Vielleicht hätte ich vor ein paar Monaten die Person ausgelacht, die mir sagt, dass bald mein Frühstück aus Haferflocken, Joghurt (Matsoni) und Früchten, statt dem üblichen Nutellabrötchen bestehen würde aber jetzt ist auch das zu einer Art Normalität geworden. Um 11 Uhr beginnt dann unser 3-stündiger Sprachkurs, wo wir, wie ich finde, schon viel gelernt haben, uns aber trotzdem etwa mit Dativ- oder Possesivfall und Pluralformen herumschlagen. Gestern haben wir auch zu allem eine Art Übersicht erstellt, was wir bisher gelernt haben bzw. wie wir auf viele verschiedene Fragen zu Personen wie uns selbst aber auch Familie oder Freunden antworten können. So etwas hilft, in meinen Augen, sehr sich einmal ins Gedächtnis zu rufen, was wir schon alles in nur ein paar Tagen gelernt haben und wir haben ja noch viel, viel mehr Zeit vor uns unsere Sprachkenntnisse zu erweitern und zu festigen.

Anschließend sind wir nachmittags und abends normalerweise unterwegs in Tbilisi, mittlerweile auch häufiger ohne Levan aber auch mit ihm, etwa am Kus Tba, dem Turtle Lake, einem kleine See auf dem Berg, wo aber eine Zipline über das Wasser führt und aus fetten Boxen der Strandbar Musik dudelt, sodass eine gewisse Geräuschkulisse besteht, was mich aber nicht davon abhielt die Zeit am See zum Teil schlafend zu verbringen („Once upon a time in Hollywood“ hat zumindest schlaftechnisch Spuren hinterlassen). Nach Turtle Lake genossen wir ein Abendessen mit, wie fast immer, viel Essen, besonderm Wein aus der Region Racha und einem phänomenalen Ausblick über die Stadtbezirke Vake und Saburtalo.

Den Samstag darauf verbrachten wir nach dem Sprachkurs entspannt in einem kleinen Café am Rustaveli Avenue, wo die dortige Katze mich anscheinend schnell ins Herz geschlossen und meine Streicheleinheiten sichtlich genossen hat. Sie wurde „Ingrid“ getauft, ob sie einen anderen Namen hat wissen wir aber nicht. Neben der Katze bot das Café auch die Möglichkeit nochmal einige der zuvor gelernten Vokabeln durchzugehen. Nach dem Café kehrten wir in einem Restaurant in der Nähe des Liberty Squares ein, wo ich, der Tradition meines Vaters und Großvaters folgend, die übriggebliebenen Khinkali verspeiste und so nach dem Essen mit sechs Teigtaschen im Bauch Richtung Fabrika rollte um mit unserem ersten georgischen Tschatscha (Schnaps) nachzuspülen.

Ich vs. die letzte Khinkali

Der sprachkursfreie Sonntag ließ uns den Raum zum ersten Mal Tbilisi zu verlassen und uns auf unseren Ausflug in eine der historisch und religiös wichtigsten Städte des Landes, Mzcheta, zu machen. Die kleine Stadt am Zusammenfluss von Mtkvari und Aragvi war lange die Hauptstadt des Iberischen Reiches, einem Vorgängerstaat des heutigen Georgiens. Hier soll der Legende nach ein Engel im 4. Jh. bei der Errichtung einer der ersten Kirchen geholfen haben, die als Ausgangspunkt des Christentums in Georgien gilt. Heute steht an dieser Stelle die beeindruckende Svetizchoveli-Kathedrale aus dem 11. Jh. mit ihren dicken Mauern, beeindruckenden Fresken und natürlich vielen Besuchern. Der Legende nach soll in der Kathedrale das Gewand Christi begraben liegen, dass über die jüdische Gemeinde von Mzcheta seinen Weg nach Georgien gefunden haben soll.

Die Svetizchoveli-Kathedrale

Im Inneren der beeindruckenden Kirche

Liegt in diesem Schrein das Gewand Christi?

Über der Stadt auf der anderen Flussseite thront das Dschvari-Kloster, die erste Station auf unserem Ausflug. Es wurde an einer Stelle gebaut, an der die heilige Nino, die das Christentum nach Georgien brachte, ein Kreuz errichtete. In der Mitte des Klosters steht auch heute ein großes Holzkreuz. Sonst ist aber auch das Dschvari-Kloster, nicht zuletzt wegen des Blickes über Mzcheta und nach Norden bis in die Berge des Kaukasus ein sehr touristischer Ort. Die Eidechsen an der Klostermauer scheint das aber nur bedingt zu stören.

Das Dschvari-Kloster

Die beeindruckende Aussicht

Eidechsen an der Mauer

Auch die beiden folgenden Tagen war die Fabrika wieder unser Anlaufpunkt. Das Fitness-Programm am Montag war aber leider nicht mehr vorhanden, stand also nur noch im Plan, weswegen wir uns auf den Weg in einen Park nahe EthicFinance machten, wo sich einige Geräte zum noch ein bisschen Sport treiben befinden. Das Yoga am Dienstag fand dann aber statt und naja, ich hätte nicht gedacht, dass Yoga so weh tun kann. Zumindest bietet das Rooftop (Dach), der Fabrika auch eine schöne Aussicht. Trotzdem war das Yoga eine gute Möglichkeit auch andere Leute kennen zu lernen und gemeinsam die Schmerzen zu beklagen (Zwinkersmiley). Auch der Mittwochabend bot eine ähnliche Gelegenheit, bei einem internationalen Treffen und Tschatscha neue Menschen kennenzulernen. Auf dem Nachhauseweg, ich bin zu faul fürs Taxi nehmen und nach Mitternacht fahren keine Busse mehr, wurde ich die letzten beiden Nächte von einem Straßenhund begleitet, der für wahrscheinlich 10-15 Minuten den Gorgassali Avenue entlang an meiner Seite gelaufen ist. Für diesen Hund fehlt mir allerdings noch ein Name.

Zusammengefasst würde ich sagen, war dies eine Woche der Ausblicke und Aussichten über Mzcheta oder Tbilisi und aber auch eine Woche neuer Begegnungen, mit Menschen aus dem Libanon, aus Aserbaidschan oder den USA aber auch mit Tieren, wie Ingrid der Café-Katze, den Eidechsen von Dschvari oder meinem/r Hundebegleiter*in. Für den Moment kehrt Normalität ein, was sich aber wahrscheinlich noch einmal sehr verändern wird wenn wir am 9. September in unsere Projekte starten.

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