Eine Portion Selbstironie

Morgens 7:45 Uhr klingelt mein Wecker und ich denke mir nur…Nein. Das Wochenende und der Feiertag am Montag haben meinen Schlafrhythmus etwas nach hinten verschoben und auch wenn ich deswegen viel schlafen konnte, fällt das Aufstehen schwer. Ca. eine halbe Stunde später verlasse ich mein Bett dann. Den Wecker habe ich mir aufgrund dieser Angewohnheit extra schon auf eine frühere Zeit gestellt. Nach dem Frühstück, natürlich mit einem großen Glas schwarzen Tee zum Wachwerden, mache ich mich auf den Weg. Draußen scheint die Sonne, es ist aber auch sehr diesig. Etwa 10 Minuten dauert mein Weg zur Bushaltestelle, da ich etwas am Berg wohne. Vorbei am neuen Hotel an der Straße, einigen kleinen Obst- und Gemüseständen und den Anzeigetafeln der Busse auf der Ortachala Street, die aber eigentlich immer mehr als 20 Minuten bis zum nächsten Bus anzeigen. Hier etwas auf dem Berg im Südosten Tbilisis braucht man eine kurze Weile bis zum Trubel, der der Stadt sonst innewohnt. Unten an der großen Straße und der Bushaltestelle angekommen, fährt gerade die 71 in der Gegenrichtung ein, in die ich sonst immer fahre aber sie bringt mich in etwa 10 Minuten zur Isani Metro Station, weswegen ich in den grünen MAN-Bus springe.

An der Metro Station steige ich aus, muss aber noch über die, in allen drei Richtungen einer Kreuzung mindestens zweispurigen Straßen, um zur Metro zu kommen. Die Autos halten zum Glück manchmal an. Trotzdem habe ich in den vergangenen zwei Monaten hier in Georgien gelernt, dass es oft ein bisschen Selbstvertrauen erfordert, einfach loszugehen um über die Straße zu kommen. Durchs Drehkreuz und über eine lange Rolltreppe gelange ich zur U-Bahn. Hatte ich erwähnt, dass ich Rolltreppen in die U-Bahn dafür hasse, dass aufgrund der schrägen Werbeplakate oder Wandfliesen mein Gleichgewichtssinn etwas aus der Balance kommt. Die erste Metro ist so voll, dass ich erst die nächste nehmen kann. Viel leerer ist die aber auch nicht. Rush Hour eben. Rustaveli steige ich aus und warte dort auf Anna. Sie wurde letzte Woche von einer Freundin ihrer Vermieterin gefragt, ob sie als Unterrichtsmaterial Aufgaben einsprechen kann und ob sie eine „männliche Stimme“ kennt. Das war ich.

Deswegen machen wir uns zusammen auf den Weg ans westliche Ende von Tbilisi im Stadtteil Saburtalo, wo sich die State University befindet. In der Metro ist es allerdings so laut, dass ich Anna nicht wirklich nach ihrem Wochenendausflug nach Stepantsminda fragen kann. Am Hauptbahnhof schieben wir uns durch die Menschenmassen zur Saburtalo-Line, der zweiten Metro-Linie in der Stadt. Vaja-Pshavela steige ich in der Annahme, dass es die Endstation ist aus Versehen aus. Auf Google Maps ist die wirkliche Endhaltestelle irgendwie nicht eingetragen… Zum Glück kommt nach nur wenigen Minuten die nächste Bahn und ich fahre noch eine Station. Die Haltestelle State University ist ein krasser Kontrast zu den bisherigen Stationen. Hier ist alles neu, weiß gefliest mit einigen Farbakzenten und ohne wuchtigen Säulen, wie in den anderen Bahnhöfen. Draußen warten wir ein paar Minuten auf Tamara, Germanistin an der Uni, die uns abholt. Ein paar Minuten fahren wir noch mit der Marschutka, um zum National Assesment an Examinations Center, dem Prüfungszentrum der Uni zu kommen.

Dort haben wir dann bei ein paar Keksen und Tee geholfen, die Texte, die wir einsprechen würden, auf Fehler zu prüfen und ein paar Satzkonstruktionen der Aufgaben umzustellen. Mit einem „Interview“ mit dem Initiator von Plant-for-the-Planet (Baumpflanzaktion), vier verschiedenen Meinungen zum Thema Facebook und einem Bericht über ein Auslandsjahr in Australien waren die Texte zwar im Nachhinein die thematischen Klischees von Hörverstehenaufgaben, wie ich sie selber aus meiner ja nicht allzu weit zurückliegenden Schulzeit kenne aber es ist eine sehr interessante Erfahrung jetzt mal auf der „anderen Seite“ zu stehen. Beim Üben der Texte machte sich zwar noch etwas die Erkältung vom Wochenende bemerkbar aber zum Glück gab sich das dann für das Einsprechen. Im kleinen „Studio“ sitzen Anna und ich wenig später an zwei Tischen mit Mikrofonen, als jemand der vor einer Weile ein bisschen Musik am Laptop produziert hat natürlich eine schöne Erfahrung, auch wenn es in diesem Fall nur Einsprechen ist. Unter Aufsicht der zwei Tontechniker und Keti, die die Sache organisiert hat, beginnen wir bald mit unseren Texten. Zum Glück müssen wir bei Fehlern nur den letzten Satz nochmal neu anfangen, Audiosoftware mit Ausschneidefunktion sei Dank. Am Anfang gebe ich mir Mühe möglichst seriös und auffordernd die Aufgabenstellung einzusprechen, bevor Anna den Text über Erlebnisse eines Mädchens im Australienauslandsjahr für eine Abiprüfung liest. Ich kann so erstmal kurz beobachten und mich auf meine eigenen Texte vorbereiten. An manchen Stellen fällt es mir doch schwer ein Lachen zu unterdrücken, an so ein Recording muss man irgendwie mit einer gewissen Portion Ironie rangehen, hatte ich das Gefühl, denn wirklich ernst nehmen konnte ich mich nicht. Das in den Texten aber nicht durchklingen zu lassen, fand ich zwar nicht immer einfach aber ich glaube, dass es mir doch ganz gut gelungen ist. Für meinen größeren Text „interviewt“ mich Anna zur Baumpflanzinitiative von Felix Finkbeiner, dem ich für den Moment die Stimme leihe und referiere, wie man mit Bäume pflanzen viel für Umwelt, Klima und Menschen erreichen kann. Ein alter Running Gag aus der achten Klasse „Seid sozial, pflanzt Bäume“ schleicht sich in meinen Kopf. Beim Wort Zeitungen bleibe ich kurz im Text hängen, keine Ahnung warum, aber irgendwie kommt es mir erst nach ein paar Versuchen flüssig über die Lippen. Der und der folgende Text sind jetzt zwar für angehende Lehrer*Innen aber trotzdem frage ich mich an manchen Stellen ob ich vielleicht nicht doch etwas langsamer sprechen sollte. Dazu kommt, das Interview trotz Textvorlage möglichst authentisch rüberzubringen. Das ging für mich erstaunlicherweise aber recht gut. In den folgenden Texten zu den Vor- und Nachteilen von Facebook verlese ich wieder die Aufgabenstellung und Anna und ich sprechen beide jeweils zwei verschiedene Meinungen ein. Irgendwie kommt es mir komisch vor, diese vier Meinungen plus Aufgabenstellung nur mit zwei verschiedenen Stimmen zu haben aber naja, lässt sich nicht ändern. Trotzdem überlege ich was die Prüflinge dann von den Aufnahmen halten werden. Einige Sätze müssen wir beim Kontrollhören nochmal einsprechen aber das ist ja kein Problem.

Danach geht es für uns schon bald wieder zurück Richtung Innenstadt. Keti begleitet uns zum Aufzug und wir machen uns auf dem Weg zum Bus zur Metrostation. Anna zieht es zum Arbeiten in die Fabrika und ich mache mich auf den Weg ins Büro, hole mir kurz noch einen Chatschapuri und einen kleinen, wie sich später herausstellt relativ scharfen Kebab und sehe, ob ich im Büro noch mit meinem Kollegen Levan etwas absprechen muss/kann.

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